Rechtstreit um Antiken
Ermittler beschuldigen US-Museen des illegalen Handels

Es geschah am 13.9.1995 im Freihafen von Genf. Was die Beamten des schweizerischen und italienischen Zolls sicherstellten, zählt zu den bedeutendsten Funden der jüngeren Kunst-Kriminalistik und bereitet derzeit führenden US-Museen erhebliches Kopfzerbrechen.

HB NEW YORK. Ziel der Durchsuchung waren die Geschäftsräume des heute 67-jährigen Giacomo Medici, der 2004 für schuldig befunden wurde, gemeinsam mit dem amerikanischen Kunsthändler Robert Hecht, 86, zahllose antike Kunstwerke aus italienischen Gräbern illegal außer Landes geschmuggelt und auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft zu haben. Als Beweise dienten der italienischen Staatsanwaltschaft Tausende in Genf beschlagnahmte Polaroids, die eindeutig dokumentieren sollen, wie einzelne Gegenstände aus Medicis illegalen Beständen über Hecht ihren Weg in prominente Museumssammlungen fanden.

Die Liste derjenigen Häuser, die sich bei Medici und Hecht bedient haben sollen, liest sich wie ein „Who Is Who“ der amerikanischen Kunstinstitute: Das Cleveland Museum of Art, Princeton University Art Museum, Boston Museum of Fine Arts sowie neben dem kalifornischen J. Paul Getty Museum, in dessen Magazinen sich mindestens 52 Objekte mit der dubiosen Provenienz befinden sollen, nun auch das New Yorker Metropolitan Museum.

Die inzwischen beurlaubte Getty-Kuratorin Marion True muss sich bereits seit dem 16.11.2005 gemeinsam mit Hecht vor einem römischen Gericht für ihre Rolle als Ankäuferin des Diebesgutes verantworten. Etwa zeitgleich wurde auch der Metropolitan-Direktor Phillipe de Montebello zur Befragung durch die Ermittlungsbehörden in die italienische Hauptstadt zitiert. Ihr Vorwurf: Auch die Sammlungen seines Hauses seien gespickt mit heißer Ware von Medici & Co., darunter 15 griechische Silberobjekte aus dem sizilianischen Morgantina, der „Euphronios Krater“, geborgen aus einem etruskischen Grab nördlich Roms, sowie Gegenstände aus der Sammlung des Metropolitan-Trustees Shelby White, die sich teils als Leihgabe im Museum selbst befindet; der prachtvoll bemalte 45 Liter fassende Weinkrug aus dem 6. Jh. v. Chr. hingegen wurde 1972 vom damaligen Direktor Thomas Hoving für 1 Mill. Dollar angekauft.

Der illegale Handel mit Antiken und ihr Schmuggel ist altbekannt. Seit 1970 besteht hierfür ein generelles Ein- und Ausfuhrverbot. Seitdem freilich boomt das Geschäft. So bezifferte eine 2000 von einem Ausschuß des britischen Unterhauses in Auftrag gegebene Studie die jährlichen Schwarzmarktumsätze von Antiken und sonstigen Kulturgütern auf 4 bis 6 Mrd. US-Dollar.

Das aggressive Vorgehen der italienischen Behörden dürfte freilich nicht allein mit der erdrückenden Beweislage seit dem Genfer Coup zu erklären sein. Selten schien das Stimmungsbarometer der amerikanischen Verhandlungsposition derart abträglich: Erst im Februar 2002 wurde der prominente New Yorker Kunsthändler Frederick Schultz wegen Schmuggels ägyptischer Kunstgegenstände zu 33 Monaten Haft verurteilt. 2003 führten die Plünderungen des irakischen Nationalmuseums in Bagdad unter den Augen der amerikanischen Invasoren zu einem handfesten PR-Desaster.

Die Beweislast im Fall der Marion True und die Anschuldigungen gegen Phillipe de Montebellos Met bringen nun Bewegung in die Sache. Diskutiert wird dabei ein neuartiger Lösungsansatz, der den Wünschen amerikanischer Museen nach Leihgaben und einer Ausweitung der Zeiträume für Dauerleihgaben entgegen käme: So könnten die Italiener gegen die Rückgabe strittiger Antiken anbieten, im Gegenzug Exponate gleicher Qualität und kunsthistorischer Bedeutung zu entleihen - wer nicht kooperiere, dem drohten Leihsperren für künftige Ausstellungsprojekte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%