Rechtzeitig zum neuen Roman von Michel Houellebecq erscheint seine Biografie
Der Mythomane

Wenn der Franzose Michel Houellebecq einen neuen Roman schreibt, dann geht es normalerweise um nichts weniger als die Zukunft der Menschheit. So auch jetzt. Am morgigen 27. August erscheint sein Buch „Die Möglichkeit einer Insel“.

Diesmal spielen die Raelianer mit, eine Sekte, die an Außerirdische glaubt und daran, dass einst Klone unsere Erde bevölkern werden. Im Buch heißen sie die Elohim. Und weil Houellebecq den Skandal liebt, zeigte er sich im Vorfeld bereits mehrmals mit dem Sektenführer Rael, einem Franzosen, der bürgerlich Claude Vorhilhon heißt. Die Raelianer behaupten immerhin, mehrfach Menschen geklont zu haben (illegal selbstverständlich), was Houellebecq natürlich völlig unproblematisch findet.

Doch jetzt könnte ein anderer Autor dem Star die Schau stehlen. Denn es sieht so aus, als habe Houellebecq seinen eigenen Lebenslauf so konstruiert wie einen Roman. Einige wichtige Punkte sind seinem Biografen Denis Demonpion zufolge deutlich anders gelaufen, als der hochgelobte Autor vorgibt.

Als ein Verdammter dieser Erde präsentierte sich Houellebecq nach Erscheinen seines ersten erfolgreichen Romans „Elementarteilchen“ 1998. In einer schäbigen Zwei-Zimmer-Wohnung im langweiligen 15. Bezirk von Paris, benebelt von Alkohol und Medikamenten, starrte er vor sich hin und gab stoßweise bizarre bis irrwitzige Dinge von sich.

Passend zum Inhalt seiner Bücher, in denen so schonungslos und so drastisch von Einsamkeit und zwischenmenschlichem Elend die Rede ist, wie man es noch nie gelesen hatte. Houellebecq schien selbst die unkontrollierte, hässliche, fehlerhafte, uncoole, unsouveräne Kreaturzu sein, die er als die beiden Hauptpersonen in dem Roman zeigte. Sozial ungeschickt, frustriert; verletzt und verletzlich, Schutzinstinkte auslösend.

Offenbar alles Pose.

Demonpion, Autor der Biografie, ist Journalist bei der Zeitschrift „Le Point“. Er hat Houellebecqs Karriere von Anfang an verfolgt; in den Bann gezogen und gleichzeitig irritiert von der schillernden Persönlichkeit, wollte er mehr wissen. Demonpion hat in den vergangenen zwölf Monaten 132 Freunde, ehemalige Kollegen und Verwandte des Schriftstellers befragt und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Nicht nur konnte er die Mutter sprechen, deren kürzliches Ableben Houellebecq in einem Interview im Mai erwähnt hatte.

Monsieur ist in Wirklichkeit auch zwei Jahre älter als man bisher annahm: Er wurde nicht 1958 geboren, sondern 1956. Seine Ausbildung zum Agaringenieur hat er zwei Jahre früher gemacht als angegeben. Und es lag ihm daran, dass man ihm nicht auf die Schliche kam, da er seinen Namen aus den Schullisten streichen ließ. Zwei Studienjahre an der Filmschule Louis Lumière hat Houellebecq völlig unterschlagen. Seltsame Manöver. Was sollte ehrenrührig daran sein, eine Filmschule besucht zu haben?

Demonpion erklärt den frisierten Lebenslauf so: „Houellebecq will unbedingt selbst in der Hand haben, welches Image von ihm existiert.“ Offenbar will er, der gerade schon seinen neuen Roman „Insel“ verfilmt und dabei Regie führt, den Autodidakten geben, der spontan einen professionellen Film hinlegt.

Innigster Berufswunsch in seiner Jugend war jedenfalls Filmemacher, nicht Schriftsteller. Und er hat auch schon mehrere Kurzfilme gedreht.

„Houellebecq weiß sehr gut um die Macht der Bilder“, sagt Demonpion. Geschickt gibt er den tragischen Dichter: Houellebecq lächelt auf Fotos nie und hält fast immer eine Zigarette in der Hand, zwischen Mittel- und Ringfinger. Dennoch hat der Schriftsteller wohl nicht dauerhaft im sexuellen Elend gelebt, das er in seinen Büchern schildert. Er hat mit 24 zum ersten Mal geheiratet und aus dieser Ehe einen Sohn. Seit Jahren lebt er in 3. Ehe mit einer früheren Verlagsmitarbeiterin zusammen, einer sehr schönen Frau.

Wenn er im Roman „Plattform“ als die schlimmste Seuche des Abendlandes diagnostiziert: „Die Leute schlafen nicht mehr miteinander“, fragt man sich, woher er das hat. Aber das ist ein notwendiger Baustein für Houellebecqs Utopien und Vorhersagen für den Lauf der Welt. Weil Männer und Frauen bald keiner Liebesbeziehungen mehr fähig sein werden (auch die Frauen werden seiner Meinung nach bald käuflichen Sex vorziehen), wird es einen globalisierten Markt für die Erfüllung der sexuellen Bedürfnisse geben, also Sextourismus statt Ehen oder Beziehungen. Kinder wird man durch Klonen herstellen. Für Houellebecq die Lösung aller Probleme, weil dann auch die Kleinen und Häßlichen zu ihren Orgasmen kommen.

Diese Thesen mögen geistiger Megalomanie entspringen oder frühkindlichen Traumata oder Marketinggags sein – sein vehementes Eintreten für käuflichen Sex, Klonen und Gentechnik sorgte jedenfalls für Schlagzeilen.

Eine ähnliche Kälte und Leere wie in „Elementarteilchen“ muss wohl tatsächlich in Houellebecqs Kindheit und Jugend geherrscht haben. Im Alter von fünf Monaten wurde Michel verlassen von den Eltern, die sich kurz nach seiner Geburt trennen. Demonpion räumt ein: „Er hat nie erfahren, was Intimität bedeutet – Körperkontakt, Zärtlichkeit, Geborgenheit.“

Er wuchs bei den Großeltern auf, deren Namen, Houellebecq, er später annahm. Als Jugendlicher las Michel statt „Bravo“ Mathematik-Abhandlungen, die er sich als Ferienlektüre mit an den Strand nahm. Kontakt zum anderen Geschlecht hielt er für ausgeschlossen: „Ein Mädchen hätte schon die Farbe wechseln müssen, damit ich bemerke, dass sie sich für mich interessiert“, erzählte er der „Elle“ über seine Teenie-Zeit.

Houellebecqs Leistung besteht darin, ausreichend Distanz aufgebracht zu haben, um die entsprechende Lebenshaltung und die daraus resultierenden Erfahrungen minutiös zu beschreiben. Er hat es auch fertiggebracht, alle Scham hinter sich zu lassen oder wenigstens zu ignorieren, die einen Unglück und Einsamkeit lieber verbergen läßt. Er war ein Frustrierter, der ein fulminantes öffentliches Coming-out hatte, das ihm Leser, Fans und Mitgefühl gebracht und wohl auch viele Menschen von ihrer eigenen Scham befreit hat.

Dass das Ganze immer mit Wutausbrüchen gepaart war, sei es gegen den Islam (das brachte ihn vor Gericht) oder gegen die 68er-Generation, begründete der Autor so: „Leute zu beschimpfen ist einer meiner Genüsse im Leben. Es bringt mir eine Menge Probleme, aber es ist so: Ich greife an, beleidige.“ Seine Mitleid erregende Biografie lieferte dazu die mildernden Umstände.

Der Star reagierte empfindlich, als einer es wagte, an seinen Konstrukten zu rühren: Houellebecq schlug Demonpion vor, er wolle die Biografie mit Kommentaren und Fußnoten versehen, dann werde er sie auch autorisieren. „Er wollte mir das Heft aus der Hand nehmen“ – so empfand das Demonpion. Und lehnte ab. Daraufhin kamen vom Verlag und vom Autor Beschimpfungen. Sein Verlag hat schon rechtliche Schritte gegen das Buch angedroht, bevor es erschienen ist.

Denn beim Lancieren der „Insel“ wird geklotzt, nicht gekleckert: Sie erscheint in hunderttausendfacher Auflage, in acht Ländern und fünf Sprachen, auf Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch.

Houellebecqs Verlag Fayard, der dem finanzkräftigen Rüstungskonzern Lagardère gehört, hat in der Tat hoch gepokert: Er hat nicht nur eine Rekordsumme gezahlt, sondern den Literaturstar auch seinem alten Verlag Flammarion ausgespannt.

Zum Erscheinen wird Houellebecq in Frankreich genau zwei Interviews geben: Einem Fernsehjournalisten, so dass geschnitten werden kann. Und seiner Freundin Josyane Savignau von „Le Monde“, die bei der Veröffentlichung des Gesagten zuverlässig Vorsicht wird walten lassen.

„Houellebecq, non autorisé. Enquête sur un phénomène“, Maren Sell éditeurs, erscheint am 26. August.

„Die Möglichkeit einer Insel“, erscheint bei Dumont am 27. August.

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