Religionsforschung
Warum die Menschen Gott finden

Gott ist nichts mystisches, sondern ein Teil der Natur des Menschen. Das behaupten zumindest europäische Wissenschaftler, die gemeinsam eine neue, revolutionäre These prüfen. Ihre Fragestellung: Steckt der Glaube in unseren Genen?

DÜSSELDORF. Über drei Milliarden Euro kostet die Suche nach dem "Gottesteilchen", alias Higgs-Boson, mit Hilfe des Teilchenbeschleunigers "Large Hadron Collider" der Europäischen Kernforschungsorganisation CERN. Im Vergleich dazu sind die zwei Millionen, die von der EU in das Exrel-Projekt fließen, ein Klacks. Und trotzdem könnten sie dazu beitragen, unser Weltbild ähnlich zu verändern wie der riesige Teilchenbeschleuniger. Exrel sucht nicht nach einem hypothetischen Elementarteilchen wie die Physiker, sondern nach Gott selbst - oder genauer gesagt nach den biologischen Ursachen dafür, dass so viele Menschen an Gott, Götter und religiöse Konzepte glauben.

Exrel steht für "Explaining Religion". Forscher von neun europäischen Universitäten wollen gemeinsam "Religion erklären", beteiligt sind unter anderem Kulturwissenschaftler, Ökonomen und Hirnforscher. Mit dabei ist auch Jesse Bering, Leiter des Institute of Cognition & Culture an der Universität Belfast. Seine These ist radikal: Gottesglaube sei "weder eine Idee noch eine kulturelle Erfindung, noch Opium für die Massen oder sonst etwas in die Richtung", sagt der gebürtige Amerikaner. "Gott ist eine Art zu denken, die durch natürliche Selektion etabliert und beständig gemacht wurde." Während in seinem Heimatland der Kreationismus auf dem Vormarsch ist, dessen gemäßigtere Anhänger die Evolution zumindest nicht negieren, in ihr aber höchstens das Instrument eines göttlichen Schöpfers des Lebens sehen, hält der Psychologe Gott höchstselbst für nicht mehr und nicht weniger als ein "Produkt der Evolution."

Jesse Bering ist bekennender Atheist. Michael Blume hingegen gläubiger Christ. Und trotzdem stimmt er Bering zu. "Religiosität hat sich entwickelt, weil sie sich in der Evolution als erfolgreich erwies", meint der Religionswissenschaftler und Mitautor des Buches "Gott, Gene und Gehirn". Glaube sei nichts Mystisches, sondern ein Teil der Natur des Menschen. "Deshalb müssen wir religiöses Denken und Handeln mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchen", sagt Blume.

Jesse Bering hat das getan. Um zu testen, ob der in fast allen Religionen gängige Glaube an ein Jenseits durch die Evolution im menschlichen Gehirn vorinstalliert ist - ähnlich wie die Fähigkeit, Sprache zu lernen -, fragte er Kinder nach ihren Konzepten von Seele und Tod. Nicht direkt, sondern mit Hilfe eines Puppenspiels, in dem eine Stoffmaus zunächst ihre Leiden erklärte - hungrig, durstig, einsam, krank - und dann auf dem Heimweg von einem Stoffkrokodil verschlungen wird. Nachdem die kleinen Probanden das Drama gesehen hatten, wurden ihnen Fragen gestellt: Hat die Maus noch Hunger? Liebt sie ihre Mama noch? Möchte sie immer noch heim?

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