Renaissance
Mit dem Fisch in der Hand

Bis vor gar nicht so langer Zeit stand der Renaissance-Maler Filippino Lippi im Schatten seines Lehrers Sandro Botticelli. Der Schüler war seinem Lehrer jedoch ebenbürtig. Das zeigt eine spannende Ausstellung in Rom.
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RomEs gibt Ausstellungen, die nicht nur schöne Bilder zeigen, sondern geschichtliche und kunstgeschichtliche Aspekte erschließen, die auch den Laien interessieren. Die Ausstellung in den Scuderie del Quirinale von Rom, „Filippino Lippi und Sandro Botticelli im Florenz des 15. Jahrhunderts“, ist so ein Beispiel. Sie präsentiert neben Gemälden und Zeichnungen auch Briefe und Dokumente, die viel zu erzählen haben. Auch in ihrer unspektakulären Ausstattung steht sie stolz zu ihrem didaktischen Charakter und hat allen Grund dazu. Denn ihr Vorhaben gelingt, sie ist lehrreich und unterhaltsam zugleich.

Die Ausstellung deckt  biografische und gesellschaftliche Hintergründe auf, die nicht nur die Werke verstehen, sondern auch erleben helfen. Nicht zuletzt weil die Lebensgeschichte wahrlich spannend ist. Botticelli ist Jedem ein Begriff, Filippino Lippi (1457-1504) nur den Wenigsten. Der Laie, selbst wenn er niemals vor Botticellis weltberühmten Werken der „Geburt der Venus“ oder der „Allegorie des Frühlings“ gestanden hat, verbindet mit Botticelli blasse, schwermütige Schönheiten mit von reichem Goldhaar umflossenen Antlitz. Mit Lippi verbindet er nichts. Im Höchstfall kennt er ihn als Freund Sandros, wie ihn der amerikanische Kunsthistoriker und Sammler Bernard Berenson nannte.

Kind einer verbotenen Leidenschaft 

Nun war Lippi aber einiges mehr. 1472 trat er in die Werkstatt Botticellis ein. Der Meister seinerseits hatte bei Lippis Vater das Handwerk erlernt. Auf die Lehrjahre verweist gleich eingangs der Schau die „Madonna mit Kind“ von Fra´ Filippo Lippi. Sie erinnert zudem daran, dass Filippino Frucht einer ebenso glühenden wie auch verbotenen Leidenschaft war. Diese entflammte zwischen dem Karmelitermönch und Kaplan des Nonnenklosters Lippi und einem seiner weiblichen Schützlinge, Lucrezia, der Tochter eines florentinischen Seidenhändlers. Vor der Exkommunikation rettete Cosimo de’ Medici Vater Lippi; nicht aber vor dem Gift erboster Gatten und Nebenbuhler. Denn der malende Mönch vermochte nicht nur Lucrezia schwer, sondern keiner schöner Frau zu widerstehen.

Botticelli unter dem Einfluss Savonarolas

Nach dem Tod des Vaters nahm Botticelli den jungen Mann unter seine Fittiche und beeinflusste zweifelsfrei seinen Stil. Das zeigt eine Gegenüberstellung mehrerer, von beiden Malern dargestellter Sujets, darunter die „Anbetung der Hirten“. Doch ihre Wege sollten sich bald darauf wieder trennen. Botticelli erwärmte sich für die apokalyptischen Predigten des strengen Betbruders Girolamo Savonarola, der in seinen feurige Reden nicht nur die Herrsch- und Prunksucht der Medici anprangerte, sondern auch die Kunst, die in ihrem Dienste stand. Das Goldhaar jedenfalls wurde schüttern, Botticellis Heiterkeit verdüsterte sich.

Eine leise Ahnung des von Zweifeln erschütterten Selbstwertgefühls klingt in einem der schönsten Werke der Ausstellung an: dem weinenden Juden Mordechai, der ausnahmsweise von der Privatsammlung Pallavicini in Rom ausgeliehen wurde. So karg  und essentiell die Szene ist, so herzzerreißend ist seine zusammengekauerte Gestalt als Hüter des königlichen Palastes im persischen Susa.

Die Welt des Übernatürlichen

Lippi hingegen schaute sich nach neuen Auftraggebern um. Mit Erfolg, man stritt sich um ihn. So befahl ihm der reiche florentinische Bankier Filippo Strozzi in einem Brief erbost, augenblicklich nach Florenz zurückzukehren. Er sollte die Fresken der Familienkapelle in Santa Maria Novella, mit der beauftragt worden war, schleunigst beenden. Lippi weilte in Rom, und abgesehen davon, dass er dort für Kardinal Oliviero Carafa eine Kapelle in der Kirche Santa Maria sopra Minerva mit Fresken ausstattete, fesselte ihn die damals beginnende Wiederentdeckung der Antike. Er begeisterte sich vor allem für die Groteske. Solche mit fantastischen Wesen belebten Rankenverzierungen sahen die Maler der Renaissance in den vermeintlichen Grotten auf den Hügeln der Ewigen Stadt, Räume, die später von Archäologen als prachtvolle Anwesen der Kaiserzeit identifiziert wurden.

Lippis Faszination ist verständlich. Die Grotesken untermauerten seinen Glauben, dass die Welt ein unergründliches Mysterium ist, dass sie eben nicht so ist, wie die Kirche predigte und auch nicht die ist, die sie vorzugeben schien. Hier war Lippi ganz in seinem Element wie das sagenhafte Gemälde „Die Jungfrau erscheint dem Heiligen Bernard” zeigt. Lippi entführt den Betrachter in eine fantastische irreale Welt, in der die physikalischen Gesetze aufgehoben sind, Steine und Baumstümpfe anthropomorphe Gestalt annehmen und sich Übernatürliches im Alltäglichen ereignet.

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