Report
Die deutsche Wirtschaft – eine Tragödie

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„Ja, Einübung ins Mitleid mit Managern, das ist doch das, was hier jetzt passiert.“

Die Online-Redakteurin in „Wir schlafen nicht“.

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Gespannt beugt sich Stefan Eikelmann in seinem engen Stuhl im Schauspielhaus Düsseldorf nach vorn. Sein Blick gilt einem künstlichen Felsen und Klaus Rodewald. Der kriecht wie ein Waran den zwei Meter hohen Deko-Stein hoch und züngelt Sätze wie „Wenn man nicht über Zeitdruck spricht in seiner Branche, hat man gar nichts gesagt“.

Stefan Eikelmann ist Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Klaus Rodewald ist Ensemblemitglied des Schauspielhauses – und spielt jetzt den Partner einer Unternehmensberatung.

„Wir schlafen nicht“ wird an diesem Abend uraufgeführt. Ein Stück der jungen Autorin Kathrin Röggla, das sich um die moderne Arbeitswelt dreht, um unbezahlte Praktikantinnen, das Versinken im Stress, die Angst vor Stellenabbau. Und um Berater. Vor allem um Berater.

Die sind häufig zu besichtigen auf deutschen Bühnen dieser Tage: In Berlin seziert das „Bankenstück“ die Finanzkrise der Stadt. Rolf Hochhuth hat in Brandenburg mit „McKinsey kommt“ für Wirbel gesorgt, in Zürich untersucht „Groundings“ die Pleite der Swissair, und wer es unterhaltsam mag, kann bei „Eins, zwei, drei“ im Berliner Hebbel-Theater sehen, wie aus einem Kommunisten ein Kapitalist wird.

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„Klar, wir sind alle nur Menschen.“ „Aber sag das mal jemandem auf den Kopf zu!“

Die Online-Redakteurin und der IT-Supporter in „Wir schlafen nicht“.

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Neben dem Felsen steht ein überdimensionierter, umgekippter Blütenkelch. Um den haben sie sich versammelt, die Protagonisten des Wirtschaftslebens, und erzählen aus ihrem Alltag: „Man sagt dann: Ich geh mal frische Luft schnappen. In Wirklichkeit geht man nur drei Räume weiter, setzt sich auf einen leeren Bürostuhl und knackt dann einfach mal zehn Minuten weg.“

Eikelmann legt den Kopf zur Seite. „Das ist ein wenig übertrieben. Da will die Autorin die Wirtschaft so sehen, wie sie sie sehen will“, wird er später bemängeln. Doch das ist einer der wenigen Kritikpunkte: „Das Stück trifft die Klischees. Spannend gemacht“, urteilt er.

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„Wenn jemand nur noch Ja-Nein-Entscheidungen am Tisch haben möchte, dann wirst du ihm auch nur noch Ja-Nein-Entscheidungen auf den Tisch legen!“

Der Senior Associate in „Wir schlafen nicht“.

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„Für mich sind solche Stücke wie eine Safari in eine andere Welt“, sagt Burkhard Kosminski. Er und Ingoh Brux sehen aus, wie man sich einen Dramaturgen und einen Regisseur vorstellt: kein Maßanzug, keine Krawatte, keine Bügelfalte, legere Intellektualität mit einem Hauch Existenzialismus strahlen sie aus.

Gemeinsam haben sie „Wir schlafen nicht“ umgesetzt. Sie lassen Key Accounter und IT-Leute auf der Bühne wie Echsen und Insekten sich winden und dann in Panik geraten, wenn auf der Leinwand ein großer weißer Vogel näher kommt: der „McKinsey-King“, der sie als Beute nehmen könnte.

„Diese Welt“, sagen die beiden häufig während des Gesprächs. Nicht „die Wirtschaft“, „der Job“ oder „das Business“. Nein, „diese Welt“, so als ob es ein anderer Planet wäre. Im Privaten gebe es keine Berührungspunkte zu dieser Welt, erzählen sie einhellig. Brux betont: „Ich lese den Wirtschaftsteil und finde ihn manchmal spannender als das Feuilleton. Gut, McKinsey war auch mal bei uns im Theater, aber diese Unternehmenskultur von Beratern kannte ich überhaupt nicht.“

Deshalb sind sie hingefahren zu den Beratern. Zur Boston Consulting Group. Das ganze Ensemble. Da hat sie der BCG-Senior erst mal zackig angegangen: „Was wollen Sie mit dem Stück erreichen? Erzählen Sie mal: Punkt eins, Punkt zwei, Punkt drei.“ Sie mussten da erst mal klären, dass Theatermenschen anders denken.

Mit vielen Bildern kamen sie zurück von der Safari in diese Welt: „Wir haben unheimlich viel aus dem Gespräch gezogen. Wir haben gemerkt, dass der Text unheimlich nah an der Realität ist. Die reden wirklich so.“

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„Jetzt haben wir nicht mehr die Diktatur des Proletariats, jetzt haben wir die Diktatur des Geldes. Der Trog ist geblieben, nur die Schweine haben gewechselt.“

Die Frau in „Bankenstück: das Geld, die Stadt und die Wut“.

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Rauch steigt auf. Kanonen donnern, Schüsse knallen. Der Mob übernimmt die Macht in Berlin. Am Ende muss eine Nato-Eingreiftruppe die Geiseln befreien. Es revoluzzt im Berliner Gorki-Theater: Die Bürger erheben sich gegen die Mächtigen in „Bankenstück: das Geld, die Stadt und die Wut“. Und sie stellen die vor Gericht, die sie für schuldig halten am Skandal um die Bankgesellschaft Berlin und den desaströsen Zustand der Stadtfinanzen.

Autor ist Lutz Hübner, Deutschlands meistgespielter junger Autor: „Ich bin Berliner, deshalb hat mich das Thema interessiert.“ Deshalb hat er den Auftrag des Gorki-Theaters angenommen.

Auf 15 Uraufführungen in sieben Jahren kommt der 40-Jährige. Für das „Bankenstück“ nahm er sich ein dreiviertel Jahr Zeit. Da brauche man erst einmal ein Theater, das einem diese lange Vorbereitungszeit erlaube. Warum es so lange gedauert hat? „Mein Wissen vorher war rudimentär.“ Wie eine Bankholding funktioniert, davon habe er keine Ahnung gehabt.

So mancher Bürger wohl auch nicht – und will es im Theater erklärt haben. Sämtliche Vorstellungen im April seien ausverkauft, freut sich eine Sprecherin des Gorki-Theaters. Man erreiche mit dem Stück eine ganz neue Klientel. Während Kartenvorbestellungen per E-Mail sonst die Ausnahme sind, kommen beim „Bankenstück“ drei Viertel aller Orders elektronisch an.

Warum aber geschieht es gerade jetzt, dass sich die Bühne der so anderen Welt der Wirtschaft annimmt? Das hat wohl auch mit dem Versagen der in der anderen Welt Tätigen zu tun. Wenn die Griechen ihre Gesellschaft nicht mehr verstanden, dann schrieben sie ein Theaterstück. So erklärt die „Orestie“ von Aischylos dem Volk, warum so viel Blut vergossen werden musste, bis die Demokratie entstanden war.

Heute fällt es selbst Experten schwer, den Mannesmann-Prozess zu verfolgen. Warum verlagern Konzerne Stellen ins Ausland, wenn doch die Gewinne steigen? „Die Welt der Wirtschaft ist so komplex geworden, dass die Menschen sie nicht mehr verstehen und auch nicht mehr verstehen wollen“, sagt Bernd M. Michael, Chef des Werberiesen Grey.

Aber sie spüren die Folgen: wie in den 20er-Jahren. Damals schrieb Brecht die „Dreigroschenoper“ mit ihrem Einblick in das Leben der Armen und Gauner. 1932 folgte Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“, seine traurige Geschichte um einen, der erst seinen Job und dann sein Freundin verliert. Die Menschen spüren die Folgen wie 1949, als Arthur Miller in „Tod eines Handlungsreisenden“ die Figur des Willy Loman schuf, der an sich und der Wirtschaftsordnung scheitert; und natürlich wie in den späten 70ern, als „Downsizing“ zum ersten Mal die Runde macht, festgehalten von Franz Xaver Kroetz in Stücken wie „Heimat“.

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„Die Fabrikanten der Gründerjahre gründeten Arbeitsplätze, McKinsey liquidiert sie“.

Die Referentin in „McKinsey kommt“.

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Einer sagt gar nichts mehr. Er heißt Rolf Antrecht und ist Kommunikationschef von McKinsey. „Wir kommentieren das nicht weiter“, mehr ist ihm nicht zu entlocken. Beratern seines Hauses dagegen eher. Dass sie genervt sind, zum Beispiel. Weil es immer ihr Arbeitgeber ist, der den Sündenbock geben muss.

Die Brandenburger Premiere von Rolf Hochhuths „McKinsey kommt“ erhielt mehr Aufmerksamkeit, als es die Qualität des Stückes verdient hätte. „Ausbund an Geschmacklosigkeit“, schimpfte BDI-Lenker Michael Rogowski, weil das Stück vermeintlich zum Mord an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann aufruft. Der zeigte, sichtlich angeschlagen, Textpassagen beim Weltwirtschaftsforum in Davos herum.

Das Wort „Tragödie“ stammt vom griechischen Wort „tragos“ – Ziegenbock – ab. Eine Version leitet dies vom Fest des Tieropferrituals ab, bei dem der Tiergott verspeist wurde. Daher auch der Begriff Sündenbock: Jemand muss für die Sünden anderer büßen. Meistens der, den alle kennen. So wie McKinsey.

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„Wie lange könne das gut gehen, habe sie sich gefragt. Wie lange könne man ungestraft von Dienstleistungsgesellschaft sprechen und davon ausgehen, dass man ungeschoren davonkomme.“

Die Online-Redakteurin in „Wir schlafen nicht“.

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Erfolgsautor Hübner ist überzeugt: „Das Thema wird bleiben. Da werden noch mehr Stücke kommen.“ Nur: Wer soll sie schreiben?

Fragt man Dramaturg Brux danach, riskiert man, dass seine sanfte Stimme sich überschlägt: „Das erste Stück eines jungen Dramatikers handelt fast immer von den Problemen mit den Eltern. Das ist ,Fänger im Roggen’ einmal durchdekliniert. Zum Teil ja gut, aber Schiller hat das schon besser gemacht.“ Ähnlich sieht es Achim Thorwald, Intendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe: „Die jungen Autoren braten alle im eigenen Saft und schreiben nur über sich statt über die Gesellschaft.“ Notgedrungen spielt sein Haus zum x-ten Mal „Tod eines Handlungsreisenden“ – so wie mehr als ein Dutzend anderer Theater in diesem Jahr.

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„Umgekehrt müsse man mit denen aber immer auf einer Augenhöhe diskutieren können, sonst fährst du die Sache schnell gegen die Wand.“

Der Partner in „Wir schlafen nicht“.

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Beim Weg aus dem Düsseldorfer Schauspielhaus wandert der Blick von Booz-Allen-Partner Eikelmann umher. „Bestenfalls zehn Prozent der Leute tragen Anzug oder Kostüm. An einem Wochentag um acht Uhr heißt das: Meine Klienten sind nicht hier.“ Es verwundert ihn nicht: „Ich entdecke solch ein Stück auch nur durch Zufall.“

So mancher Arbeitgeber hilft dem Zufall nach. Für „Top Dogs“, ein Stück über arbeitslose Manager, beriet sich das Düsseldorfer Schauspielhaus vor einigen Jahren mit einer der führenden Outplacement- Beratungen, erinnert sich Dramaturg Brux: „Wir haben gedacht, die versuchen den Text abzuschwächen. Stattdessen haben die drei Saltos geschlagen und ganze Vorstellungen für Kunden gebucht. Die sind viel cleverer als wir.“

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„War kein schöner Abend. Er hat sich wiedererkannt.“

Die Frau eines M-Dax-Vorstands nach dem Besuch von „Top Dogs“.

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Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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