Rezension
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Scheitern auf finnisch Ehrlich gesagt: Mich haben CocaCola, Hammerwerfen und Angeln nie sonderlich gereizt. Finnland habe ich immer für etwas zu weit nordöstlich gehalten. Und in Familiengeschichten passiert doch so wenig. Doch seit einigen Wochen muss ich zugeben: Es gibt kaum etwas Komischeres, als die Einführung von Coca-Cola in Finnland, es gibt kaum etwas Rührenderes als das Angeln von Lachsforellen vor dem nahenden Winter. Und es gibt nichts, was das Puzzle der eigenen Existenz besser zusammensetzt als ein ausführlicher Blick auf die mehr oder weniger schrullige Verwandtschaft.

Ein bisschen wie Siegfried Lenz in seinen besten Tagen, als er uns mit seinem "Heimatmuseum" ein Stück verwehte Kindheit zurückschenkte, gelingt es Kjell Westö, in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Buch "Vom Risiko, ein Skrake zu sein" uns mit einem Mann mitreisen zu lassen, der ergründen will, wo er herkommt und wo er hinsoll. Westö hat ein Buch über Väter und Söhne geschrieben mit zahlreichen Müttern, Tanten und Freundinnen in den Nebenrollen. Einen Roman über das, was die Finnen "metjty" nennen, was so viel heißt wie, "in allem, was man sich vornimmt, zu scheitern". Es ist eine Erzählung über Finnland, über seine Natur, in der sich Tag und Nacht im Halbjahres-Rhythmus abwechseln und sich die Menschen in Acht nehmen müssen, damit die Dunkelheit nicht in ihre Seelen dringt. Es ist ein wunderbares Buch, das den Ton trifft: humorvoll, melancholisch, versöhnlich. Oliver Stock Kjell Westö: Vom Risiko, ein Skrake zu sein. btb Verlag, 448 Seiten, 21,90 Euro

Medizin für Große und Kleine

Und es gibt sie doch, die eierlegende Wollmilchsau. Dietrich Grönemeyer hat sie geschaffen in Form seines "Kleinen Medicus". Der ist eine ungewöhnliche - und recht gelungene - Mischung aus Kinderbuch, medizinischem Atlas und Heilkunde-Lexikon für die ganze Familie. Die Rahmengeschichte wird wohl vor allem den Nachwuchs begeistern: Der zwölfjährige Nanolino, Typ vorwitziges Kerlchen mit Berufswunsch Arzt, trifft auf den herzensguten und mit ordentlich Zeit und Geduld ausgestatteten Vorzeigedoktor X, Traum eines jeden Patienten. Dr. X und seine etwas schräge Assistentin Micro Minitec haben eine Verkleinerungs-Maschine erfunden und schicken Nanolino, auf Staubkorngröße geschrumpft, auf diverse Reisen durch den menschlichen Körper. Vorbei an Magen, Blinddarm, Milz & Co. klappert der Winzling alle wichtigen Innereien ab und lernt dabei tüchtig, wie alles im Körper funktioniert, wie man ihn gesund macht und hält.

Und an dieser Stelle wird's dann auch für die Erwachsenen spannend: Fotos, Zeichnungen, Erklärstücke, Gesundheitstipps und diverse Heilkräuterrezepte aus Großmutters Zeiten erweitern den medizinischen Horizont der Großen immens. Denn wer kann schon so genau erklären, wie ein Computer-Tomograph funktioniert, wann ein geschwollener Knöchel eine Verstauchung und wann ein Bänderriss ist und welche Tees gegen Sonnenbrand oder Bronchitis helfen. "Der kleine Medicus" erklärt's einem - und zwar sehr kurzweilig. Ulrike Heitze

Auf dem Teppich ins gelobte Land

Worte wählen, Worte setzen - bei Hafid Bouazza bekommt das eine ganz eigene Dimension. Sein Roman "Paravion" ist etwas für Liebhaber einer im wahrsten Sinne wortreichen Literatur, mehr aber als verspielte Ornamentik. Bouazzas Sprache ist Schreibkunst, Zauberkunst, Erotik, Einfühlung, veranschaulichte Emotion. Da ist der Mund ein "im Schnee zusammengerollter Ibis" und das Neugeborene ein "Menschenmolekülchen, ein strampelnder Mondtropfen". Immer wieder rührt Bouazza an, ohne kitschig zu sein. Der Autor, 1970 in Marokko geboren und in den Niederlanden aufgewachsen, entführt in ein Märchen um Aus- und Einwanderung, um Verheißungen der Liebe und Aufbruch zu neuen Ufern.

"Paravion" heißt das Land, in das es die Männer aus dem imaginären nordafrikanischen Morea zieht, frei - und irrtümlich - nach dem Aufkleber eines per Luftpost zugestellten Briefs. Das Leben in dem von ihnen verlassenen Dorf geht weiter, die Frauen genießen die neuen Freiheiten, und die kleinen Jungs verzweifeln an ihrer Rolle, die Männer ersetzen zu sollen, aber nicht zu können. Der Kern des Erzählten ist realistisch, was Bouazza draus macht, phantastisch und märchenhaft. Es gibt fliegende Teppiche, flüsternde Bäume und uralte Zwillinge, die sich auf Kräuter-Mixturen verstehen. Währenddessen kommen die emigrierten Väter in Paravion zwar immer wieder in fleischliche Versuchung, dem erhofften - auch pekuniären - Glück aber nicht wirklich näher. Bald erkennen sie: "Kein Herz kann an zwei Orten zugleich schlagen." Thomas Ludwig

Neues aus dem richtigen Leben

Anna Gavaldas neuer Roman ist eine herzerfrischende Geschichte. Vier grundverschiedene Menschen finden Unterschlupf in einer Wohngemeinschaft am Fuß des Eiffelturms. Trotz vieler Gegensätze raufen sie sich zusammen und helfen einander durchs Leben. Da ist der schüchterne Philibert, ein verarmter Adeliger, der sich sein Geld als Postkarten-Verkäufer verdient. Philibert ist ein Genie, wenn es um das Erzählen von Geschichten geht, doch wenn er mit fremden Menschen zusammenkommt, bekommt er Herzrasen und gerät ins Stottern. Deshalb lebt er lieber zurückgezogen. Ganz im Gegensatz zu Franck: Der 34-Jährige ist ein polternder Gourmet-Koch, der Frauen und Motorräder liebt und seiner altersschwachen Großmutter Paulette durchs Leben hilft. Schließlich ist da noch die magersüchtige, aber künstlerisch begabte Camille, die sich den Lebensunterhalt in einer Putzkolonne verdient und von Philibert aus ihrem ungeheizten Zimmer gerettet wird. Kurz: Die Geschichte handelt vom richtigen Leben, von Personen, die sich lieben, streiten, bis die Fetzen fliegen, und versuchen, irgendwie zurechtzukommen. So wie wir alle eben. Hans Schürmann

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