Rezension
Der Kampf hinter den Ruinen

"Danke Mutter!" - wo gibt es so etwas! Dass sich ein Schriftsteller bei seiner Erzeugerin für Ideen zum vorliegenden Roman bedankt. Und für die Recherchearbeit. Tom Bradby ist so ein Fall. Intakte Familienbande sind offenbar der Höflichkeit förderlich - und dem Erfolg. Tatsächlich ist Bradby samt Mutter mit dem Thriller "Der Gott der Dunkelheit" ein ordentlicher Wurf gelungen - und ein Beispiel dafür, dass der Zweite Weltkrieg immer noch eine hervorragende Kulisse für ambitionierte Spionage-Thriller abgibt.

HB DÜSSELDORF. Liebhaber des Genres mag das beruhigen. Denn fast hatte es in diesem, dem 60. Jahr der Kapitulation Deutschlands ausgesehen, als gebe es jenseits dokumentarischer Rückschau, Beziehungsklärung und Schuldsuche kaum noch Fiktion, die sich der Aufarbeitung des Traumas auf ihre eigene Art und Weise an-nimmt. Für jene also, die sich gegen Jahresende von dem ausgezeichneten Doku-Zampano Guido Knopp und der "Ich-verarbeite-die-Beziehung-zu-meinem-Nazivater"-Literatur nur noch mäßig unterhalten fühlen, vom Krieg aber schauderhaft fasziniert bleiben, kommen Bradbys und zwei weitere Thriller gerade recht.

Es ist das Jahr 1942, der deutsche "Wüstenfuchs" Rommel marschiert auf Kairo zu. Die heimische Bevölkerung hofft auf ein Ende der britischen Kolonialherrschaft. Und ist die Stadt erst mal gefallen, wittert so mancher Zugereiste ein gutes Geschäft: "Da liegt Geld auf der Straße, ein Haufen Geld." Musste Captain Rupert Smith deshalb sterben? Oder hat sich der britische Offizier den Deutschen angedient? Je weiter Joe Quinn, Ex-Polizist aus New York und die Hauptperson von Bradbys Roman, die Ermittlungen im umkämpften Ägypten vorantreibt, umso mehr gerät er selbst ins Fadenkreuz brutaler Strippenzieher.

Bradby knüpft dichte Dialoge und verwebt geschickt Handlungsstränge ineinander, die doch ganz unterschiedliche Gefühlszustände beim Leser hervorrufen. Während der eine mit seinen Wendungen für Spannung pur sorgt, bedient der andere das Bedürfnis nach Sentimentalität und Melodramatik. Besessen vom Wunsch, den Mörder seines vierjährigen Sohnes zu fassen, ignoriert Quinn alle Warnungen, es mit seinen Nachforschungen zu weit zu treiben. So erlebt der Leser nicht nur einen konsequent harten, nein, auch einen gebrochenen Mann, oszillierend zwischen Manie und sprachloser Trauer, zwischen Aktionismus und Hilflosigkeit.

Ähnlich ergeht es Sergeant Tom Wall. Um ihn dreht sich alles in "Alias XX", dem hervorragenden Debüt des Amerikaners Joel Ross. Der Roman spielt im Dezember 1941. Nach den Bombardements der Deutschen liegt London in Trümmern. Der gesamte Roman atmet diese morbide Atmosphäre. Alles und jeder scheint dem Tod geweiht.

Sergeant Thomas Wall vegetiert im Armeehospital, traumatisiert, vom Morphium gezeichnet, schlaflos. Hat sein Bruder Earl ihn und seine Einheit beim Kampf um Kreta verraten? Tom glaubt, dass sein Bruder gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht hat, sinnt auf Rache. Earl Wall aber ist verschwunden. Und nicht nur Tom ist hinter ihm her. Agenten verschiedenster Couleur versuchen, Wall zu instrumentalisieren - einschließlich des Deutschen Dietrich Sondegger, der mit seinem maliziösen Scharfsinn an Hannibal Lector aus dem "Schweigen der Lämmer" erinnert.

Ross entspinnt eine spannende, souverän erzählte Geschichte um deutsche Überläufer und britische Faschisten. Im Zentrum stehen das Agentennetz der Deutschen in Großbritannien und der bevorstehende Angriff Japans auf den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor, in dessen Folge die USA in den Krieg eintraten. Hätte Washington angesichts geheimdienstlicher Erkenntnisse von dem Angriff wissen können? Wurden Informationen zurückgehalten? Bis heute ranken sich Unbewiesenes und Verschwörungstheorien darum. Ross nutzt die Fiktion, um aller Spekulation um die Realität eine eigenwillige Nuance hinzuzufügen.

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