Rezension
Ein Lob der Mittelmäßigkeit

Mit "Mittelmäßiges Heimweh" ist Büchner- Preisträger Wilhelm Genazino wieder einer seiner typischen 200-Seiten-Romane gelungen: Wenig Handlung, gut beobachtete Alltagsszenen und alles sehr unterhaltsam.

LEIPZIG. Dieter Rotmund ist angestellter Controller bei einem Pharmaunternehmen in Frankfurt. Seine Frau Edith lebt mit der gemeinsamen Tochter Sabine in einem Dorf im Schwarzwald, weil sie sich ein Leben anderswo nicht vorstellen kann. Zwei Wohnungen kosten Geld. Daher fährt der Protagonist des aktuellen Romans von Wilhelm Genazino "Mittelmäßiges Heimweh" zu den Wochenendbesuchen bei Frau und Tochter im ICE schwarz. Dabei steht die Ehe kurz vor dem Scheitern. Das hat aber nichts damit zu tun, dass Rotmund eines Tages beim Fußballgucken in einer Kneipe plötzlich sein Ohr auf dem Fußboden liegen sieht. Es soll nicht der einzige "Teilkörperverlust (oder besser) Körperteilverlust" bleiben.

Der Roman würde auch ohne das abgefallene Ohr funktionieren. Zumal mit keinem Wort erklärt wird, wie Brillenträger Rotmund ohne Ohr weiterhin den Durchblick behält. Dies bleibt aber die einzige Ungenauigkeit in "Mittelmäßiges Heimweh". Auf die Handlung kommt es bei Genazino ohnehin nicht an, da nie besonders viel passiert. Es sind die boshaften, minutiösen Alltagsschilderungen, die Freude machen. Insofern ist Rotmund ein typischer Genazino-Protagonist. Ein Mann aus der Angestelltenwelt, dem die Kontrolle über sein Leben langsam entgleitet, bei dem sogar die Beförderung zum Finanzdirektor wie ein Misserfolg erscheint.

Seine Frau entscheidet sich für einen Architekten aus dem SPD-Ortsverein und beendet die Ehe mit Rotmund mit den Worten: "Ich mag deine Stimme nicht mehr hören." Auch wenn ihn das nicht kalt lässt, sieht der Controller in ihm auch gleich die Vorteile der Auflösung der gemeinsamen Wohnung: "Der Vorteil ist - in großen Konzernen wie in kleinen Ehen - immer derselbe: Kostensenkung." Die gleichzeitige Trennung von seiner Tochter fällt ihm dagegen tatsächlich schwer, obwohl sein Gefühlsleben sonst nur zwischen grenzwertig anteilnehmend und grenzwertig fliehend schwankt. Zufällig lernt er wenig später eine Frau kennen, die nach eigener Einschätzung "leider kein großes Talent für die Wirklichkeit" mitbringt und wenig später im Gefängnis landet. Das komplette Genazinoprogramm also: Einsamkeit, Melancholie, Alltagsbeschreibungen und viel Ironie.

Das ist sicher nicht neu, aber sehr unterhaltsam. Und irgendwie schafft es Genazino auch, dass man als Leser große Sympathie für Dieter Rotmund empfindet. Wahrscheinlich weil man selbst so mittelmäßig ist. Am Ende wünscht man Rotmund zumindest, dass er nicht als ohrlose "Liebesruine" übrigbleibt, sondern aus sich noch ein "richtiges Liebeshaus" macht.

Wilhelm Genazino, Mittelmäßiges Heimweh, Hanser-Verlag, 188 Seiten, 17,90 Euro

Til Knipper
Til Knipper
Handelsblatt / Redakteur
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