Rezension
Lob des kompetenten Konsumenten

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche referiert Peter Unfried über neue „Ökos“.

DÜSSELDORF. Was ist ein „neuer Öko“? Auf gar keinen Fall die Weiterentwicklung des klassischen Ökos aus der Latzhosen-Ära und auch kein Bio-Yuppie, meint Peter Unfried. Nein, eher ein Genießer, postideologisch und postironisch, der seinen Weißwein zwar auf acht Grad kühlen will, dafür aber seit seiner Bekehrung nicht extra einen Weißwein-Kühlschrank kauft. Der „neue Öko“, so schreibt Unfried, „wird dieses Leben ohne Weißwein-Kühlschrank nicht als Verzicht empfinden.“

Andererseits gibt es durchaus ästhetische Probleme, denn Energiesparlampen schimmern nun mal ziemlich hässlich durch die Wagenfeld-Leuchten durch. Und es gibt auch Neue-Öko-Hasser, die in ihnen nichts anderes sehen als besser verdienende Kleinbürger, die ihre Konsumentscheidungen „moralisch aufladen, um sich ein gutes Gefühl zu kaufen“, so Unfried. Doch das perlt an ihm ab.

Der stellvertretende Chefredakteur der „taz“ ist nämlich nach eigenen Worten vom gedankenlosen Hedonisten zum überzeugten „neuen Öko“ geworden. Und er hat seinen bewusstseinserweiternden Weg dokumentiert, inklusive aller Stationen vom Al-Gore-Film „Eine unbequeme Wahrheit“ über Auto- und Kühlschrankkauf bis zum Wechsel zu Ökostrom. Sein Dokument des Wandels ist ein äußerst informatives und gleichzeitig unterhaltsames Wirtschaftsbuch.

Die Welt will Unfried nicht retten, aber er nimmt den Klimawandel ernst und versucht, durch seine Konsumentscheidungen Energie zu sparen. Ausführlich beschreibt er zum Beispiel, wie er erst lange recherchiert und dann für sich und seine Familie keinen Minivan, sondern ein umweltfreundliches Drei-Liter-Auto kauft, das mittlerweile mangels Nachfrage längst nicht mehr hergestellt wird. Ein lockerer Ton, selbstironische Brüche und der muntere Dauerzwist mit seinem skeptischen Freund Minki garantieren, dass das Buch nicht zum trockenen Sachbuch wird.

Unfrieds Botschaft ist deutlich: Es geht nicht um Konsumverzicht, auch nicht um die Jagd nach Schnäppchen oder das angesagte Markenprodukt, sondern um einen neuen und anderen Konsum, der ziel- und wertorientiert ist. „Ich will moderne Technik, die sich immer auch in Effizienz ausdrücken muss ... Wer mir ein gutes Angebot macht, kriegt mein Geld“, heißt sein Credo.

Und er wird damit zum aktiven Marktteilnehmer – der vielleicht größte Unterschied zum traditionellen Müsli-Man. Das Kapitel über Markt und Moral gehört zu den besten des Buchs, denn Unfried gelingt es dank seines unaufgeregten und unterhaltsamen Stils, seine Kaufentscheidung für einen A++-Kühlschrank in einen makro-ökonomischen Zusammenhang zu stellen. Seine Rechnung ist einfach: Wenn viele Konsumenten bewusst kaufen, dann verändert sich der Markt.

Ein, zwei Stellen gibt es am Ende doch, an denen mit dem Autor der missionarische Eifer durchgeht. Aber dies wird aufgewogen durch seine Ehrlichkeit und das Vermögen, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Ob es ihm tatsächlich gelingt, wegen des Klimaschutzes auf den alljährlichen Urlaubsflug an die West Coast zu verzichten, lässt er offen.

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