Rezension „Nymphomaniac“: Viel Sex und doch kein Porno

Rezension „Nymphomaniac“
Viel Sex und doch kein Porno

Nackte Körper, stöhnende Menschen, Sex als Sucht: Ein Porno ist Lars von Triers neuer Film aber nicht. Es ist ein Manifest menschlicher Einsamkeit – in den einzelnen Bildern erotisch, als Gesamtwerk aber tief verstörend.
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Düsseldorf„Ich drehe einen Porno.“ Nachdem Lars von Trier vor knapp zwei Jahren seinen nächsten Film mit diesen Worten ankündigte, hätte er wohl auch den schwarzen Nachthimmel abfilmen können, und es wäre ein Erfolg geworden. Doch so leicht hat es sich der Meister der cineastischen Abgründe natürlich nicht gemacht. Sein neuestes Werk „Nymphomaniac“ strotzt nur so vor entblößten Genitalien und stöhnenden Menschen. Ein Porno ist es aber keineswegs – sondern ein Manifest der menschlichen Einsamkeit.

Die zuerst scheinbar voyeuristische Reise durch das Leben der Protagonistin Joe beginnt, als der alternde Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) sie zusammengeschlagen in einer dunklen Gasse findet. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause, macht ihr einen Tee und hält sie warm. Die mittlerweile 50-Jährige öffnet sich, und erzählt dem alten Mann ihr Leben. Ihre Geschichte ist die einer Nymphomanin, immer auf der Suche nach dem nächsten Sex.

Joe erzählt von ihrer wenig romantischen Entjungferung durch den örtlichen KFZ-Mechaniker (Shia LaBeouf), den sie sich gezielt für den ersten Akt ausgesucht hat. Um Liebe ging es der jungen Joe, gespielt von Stacy Martin, schon damals nicht. Die extreme körperliche Erfahrung wird wie ein Geschäft abgehandelt. Es muss halt irgendwann sein.

Mit einer Freundin gründet sie den Klub „Mea Vulva“. Einziges Mitgliedschaftskriterium: Man darf niemals zwei Mal Sex mit der gleichen Person haben – und Joe hält sich dran. „Nymphmaniac“ präsentiert dem Zuschauer Penisse und Vaginas in einer solchen Abfolge, bis er sich nicht mehr schämt auf die Kinoleinwand zu gucken. Dabei wird nichts ausgelassen: Homosexualität, Dreier und Sadomasochismus.

Ein Porno ist Lars von Triers Film aber dennoch nicht. Die expliziten Darstellungen werden begleitet von Kommentaren der alten Joe und ihrem Gespräch mit Seligman. Während der Zuschauer also einer Sexszene beiwohnt, erzählen sich die beiden etwas über die Fibonacci-Zahlen.

In einer anderen erfährt der Zuschauer aus dem Off, wie man sich beim Fliegenfischen am besten anstellen sollte. Den Sinn dahinter bringt Schauspieler Skarsgård gut auf den Punkt: „Dies ist keine Wichsvorlage, sondern so normal wie Essen.“

Was der Regisseur selbst von seinem Werk hält, verrät er keinem Journalisten mehr. Von Trier hat seit dem „Nazi-Skandal“ („Okay, ich bin ein Nazi“) bei den Filmfestspielen von Cannes 2011 keine Interviews mehr gegeben. Damals fühlte er sich auf einer Pressekonferenz in die Enge getrieben.

Sein „Okay, ich bin ein Nazi“ ging damals um die Welt. Auch bei der Deutschland-Premiere von „Nymphomaniac“ auf der Berlinale wird man vom Regisseur nichts hören. Beim Fototermin erschien er noch für die Presse-Meute – blieb danach aber stumm.

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