Rezension
Von der Macht und Ohnmacht der Mächtigen

Roland Koch, Hartmut Mehdorn, Andrea Ypsilanti – die Geschichten ehemals Mächtiger sind auch Geschichten des Scheiterns. Katja Kraus, Ex-Vorstand und -Vorzeigefrau des HSV, hat sie nach ihrem eigenen Aus als mächtigste Frau der Fußball-Bundesligisten und vielen langen Gesprächen mit diesen und anderen ehemaligen Spitzenkräften aufgeschrieben. Ihr Buch über Macht und Machtverlust, über Aufstieg und Fall liefert erfrischende Einsichten.
  • 9

DüsseldorfMacht. Viele wollen sie, wenige bekommen sie. Machtpositionen, Stellen mit großer Verantwortung über Personal, Budgets und Leitlinien. Und so häufig der Aufstieg Geschichten von strahlenden Gewinnern schreibt, so oft bringt die Zeit an der Spitze Geschichten des Scheiterns hervor.

Katja Kraus hatte Macht, im positivsten Sinn. Acht Jahre lang saß sie im Vorstand des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV, erst zuständig für die Bereiche Marketing und Kommunikation, später als stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Dann wurde ihr Vertrag 2011 nach einer turbulenten Phase von Führungsstreitigkeiten, Machtkämpfen und sportlicher Erfolglosigkeit gemeinsam mit Vorstandschef Bernd Hoffmann nicht verlängert, kurz darauf in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. Das ist nun fast auf den Tag zwei Jahre her.

Die verstrichene Zeit hat Kraus genutzt, um ein Buch zu schreiben. Ein Buch über Macht, was sie ausmacht, welcher Antrieb dahinter steckt und wie es ist, plötzlich ohne sie auskommen zu müssen. Es ist eine Biographie geworden – aber nicht ihre eigene. Denn über einen Zeitraum von fast anderthalb Jahren hat sie Gespräche mit ehemaligen Entscheidern und Entscheidungsträgern geführt. Was sie alle verbindet: Der Moment des Machtverlusts. „Macht“, heißt das am Donnerstag im S. Fischer Verlag erscheinende Buch folgerichtig, mit dem Untertitel „Geschichten von Erfolg und Scheitern“.

Kraus hat sich einige Hochkaräter der deutschen Politik und Wirtschaft, aber auch aus Sport und Kultur geangelt. Roland Koch, Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Andrea Ypsilanti, Ron Sommer, Sven Hannawald – sie alle erzählen von ihrem Werdegang, ihrer Zeit auf dem Gipfel und den verschiedenen Ausgestaltungen der Abschiede, die mal mehr, mal weniger kontrolliert verliefen.

Die Autorin findet in ihrem Erstlingswerk einen eigenen Stil. Katja Kraus schreibt wie sie spricht – bedächtig, also: überlegt. Das wirkt stellenweise nüchtern, aber nie langweilig. Sie resümiert und kommentiert klug, das punktuelle Augenzwinkern ist sehr subtil. Der unterhaltsame Charme, den das Buch besitzt, entwickelt sich aus den Freiräumen, den Kraus ihren Gesprächspartnern lässt. Aus den Anekdoten, die sie aufschreibt, aber auch den unzähligen Details, die sie aus den Gesprächen mitgenommen hat. Die sind sorgfältig ausgewählt, sollen nicht entlarven, aber dem Leser einen Eindruck vermitteln, wie die Mensch hinter der (einstigen) Funktion gegenüber tatsächlich ist. Das gelingt und ist die große Stärke des Werks.

Denn das Buch nimmt den Leser auf Augenhöhe mit in Gespräche mit Menschen, deren Bild sonst nur durch den medialen Filter verzerrt oder wohlwollende Biographien verklärt entsteht. Kraus fragt anders als Journalisten, ihre Beobachtungsgabe hat sie merklich am Verhandlungstisch geschärft. Gerade die ersten Eindrücke, wenn ein neuer Gesprächspartner eingeführt wird, schildert sie ohne den Versuch der Beeinflussung. Der Leser darf sich ein eigenes Urteil bilden, wie immer das auch ausfallen mag.

Seite 1:

Von der Macht und Ohnmacht der Mächtigen

Seite 2:

Das schleichende Gift

Seite 3:

„Ohne Macht ist man mehr Mensch“

Kommentare zu " Rezension: Von der Macht und Ohnmacht der Mächtigen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ob Schröder und Fischer mit ihrer Kritik an Bushs Politik im Plus stehen wage ich zu bezweifeln. Sie haben weder verhindert noch für die internationale Öffentlichkeit schlüssig gehandelt, als sie Amerika verprellten.
    Um Missverständnisse zu vermeiden, es war richtig nicht in den Irakkrieg zu ziehen, es war aber diletantisch die Beweggründe zum damaligen Zeitpunkt nicht für die Weltöffentlichkeit besser zu unterlegen.
    Dieser Fehler hat uns nach Afghanistan gebracht. Weil der internationale Druck nach der fürs Ausland unverständlichen Ablehnung zur Unterstützung des Irakkrieges die deutsche Position deutlich und nachhaltig geschwächt hat, was die Beziehungen zu den
    Westmächten nachhaltig zu unserem Schaden bis hin zur Eurokrise belastet hat.
    Merkel dagegen hat auf brüske Scheinmoral verzichtet und versucht die Wogen zu glätten. Worte, besonders diplomatische sind billig.
    ich bezweifle sehr, das wir mit Merkel heute überhaupt in Irak oder Afghanistan vertreten wären.

    H.

  • Erstaunliche Neuigkeiten.

  • @ Lutz
    Warum setzen Sie Politiker und Beamte gleich? Sie haben die Funktionsweise eines staatlichen Gemeinwesens nicht verstanden. Ohne einen motivirten Verwaltungsapparat geht gar nichts, das fehlen der Politkaste würde kaum bemerkt werden. Das sage ich Ihnen als Freiberufler.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%