Rezension „Wachstum!“
Eine überzeugende Antwort auf die Wachstumsskeptiker

Der Ökonom Karl-Heinz Paqué erläutert, wieso Wachstum notwendig ist und mehr bedeutet als nur Ressourcenverbrauch. Seine Darstellung der Wachstumskräfte bezieht sich nicht auf blutleere Konzepte und Trends, sondern bezieht sich auf den Willen des Einzelnen, sein Wissen zu vermehren und sein Leben zu verbessern.
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BERLIN. Wir wünschen Wachstum, nicht Stillstand oder Schrumpfung. Mit diesem Resümee endet Paqúes Buch „Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus“, ein eindringliches Plädoyer für Wachstum und gegen den Fortschritts- und Wachstumspessimismus, der sich seit einiger Zeit wieder breit macht in Deutschland.

Der VWL-Professor, der 2002 bis 2006 als Finanzminister in Sachsen-Anhalt einen Ausflug in die politische Wirklichkeit unternommen hat, gliedert sein Buch in fünf Kapitel. Das erste und zweifellos stärkste befasst sich mit den Kräften des Wachstums, im zweiten geht er den Grenzen des Wachstums nach, es folgt ein Kapitel über die Risiken der Finanzmärkte und zwei weitere über den Wandel des Sozialstaates sowie über die Zukunft des Kapitalismus.

Brillant ist der erste Part, in dem Paqué faktenreich, aber in flüssigem Stil und ohne in den grässlichen Ökonomenslang zu verfallen nachzeichnet, wie es zur Industriegesellschaft kam, wie Wachstum entstand und entsteht und wie man es misst. Gerade diesem Teil wünscht man viele Leser, und zwar aus zwei Gründen: Paqués Darstellung der Wachstumskräfte bezieht sich nicht auf blutleere Konzepte und Trends, sondern sie bezieht sich letzten Endes auf den Willen des Einzelnen, sein Wissen zu vermehren und sein Leben zu verbessern. So entstehen Innovationen und eine höhere Produktivität. Und zweitens würde vielleicht schon die Lektüre des kurzen Abschnitts zur Messung von Wachstum und zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vielen Lesern helfen, Irrtümer über den Wachstumsbegriff zu vermeiden.

Denn noch viel zu oft wird Wachstum gleichgesetzt mit der Vorstellung, es gehe zwangsläufig nur um mehr: mehr Ressourcenverbrauch, mehr Förderung von Öl, Erzen und seltenen Metallen. Viele ignorieren, dass Wachstum zu einem großen Teil nichts anderes ist als der statistische Ausdruck der Qualitätsverbesserung, des zusätzlichen Nutzwerts, der in jeder neuen Generation von Produkten steckt. In Paqués Worten: „Im Ergebnis wird die Qualitätsverbesserung quantifiziert und in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der Veränderung der Gütermenge (und nicht des Preises!) zugerechnet. Soweit qualitativ bedingt, hat also das Wachstum des realen Produktionswertes gar nichts mit einer größeren Menge zu tun.“

Daraus ergibt sich dann auch die Kritik an der Wachstumsskepsis, die der Autor etwas später formuliert: Zu Recht sieht er sie als eine „eigentlich merkwürdige Forderung“, da sie „den Verzicht auf die Umsetzung von neuem Wissen in eine qualitativ bessere und vielfältigere Produktwelt“ bedeutet. Warum aber sollte eine Nation, egal ob Deutschland, ein anderes Industrieland oder eine der aufstrebenden Volkswirtschaften, ihre Innovationskraft bremsen „und damit möglicherweise im Lebensstandard stagnieren oder zurückfallen“?

Paqúes Argumentation macht klar, dass den Überlegungen der Wachstumsskeptiker etwas Lebensfernes anhaftet. Dabei ignoriert er nicht die Probleme, wie man im Kapitel über die Grenzen des Wachstums lesen kann. Der Saarländer kritisiert sowohl die in vielen Regionen völlig unsinnige Verwendung von Lebensmitteln als Agrarrohstoffe als auch den Klimawandel. Hier allerdings verstrickt der Autor sich in Widersprüche: Einerseits stützt er die These des vom Menschen bewirkten Klimawandels, andererseits will er mit konkreten Aktionen dagegen lieber noch abwarten.

Einen stärkeren Bezug zum Wachstumsthema würde man sich im Finanzmarkt-Kapitel wünschen. Insgesamt dennoch eine lohnende Lektüre.

Karl-Heinz Paqué: Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus. Hanser, München 2010, 260 Seiten, 19,90 Euro

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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