Rezension
Wenn Manager so richtig gegrillt werden

Die Journalistin Dagmar Deckstein hat für ihr Buch „Klasse! Die wundersame Welt der Manager“ Topleute in deutschen Führungsetagen befragt. Herausgekommen sind dabei zum Teil erstaunlich offene Bekenntnisse einer manchmal überschätzten Berufsgruppe.

HB DÜSSELDORF. Doktor M. weiß keine Antwort. Warum ausgerechnet ihr Vater zu den Abzockern gehöre, für die man sich schämen müsse, hat seine Tochter Sandra ihn gerade gefragt. Fünf Millionen Euro verdient Doktor M. im Jahr. Doch nun resigniert er. "Wenn ich schon meiner eigenen Tochter gegenüber in Erklärungsnöten dafür stecke, was ich eigentlich den ganzen Tag so tue - wie soll ich das dem Rest der Welt erklären?"

Doktor M. ist das Synonym für einen deutschen Top-Manager, der in "Klasse!" (Murmann-Verlag) sein Herz ausschüttet. Die Autorin Dagmar Deckstein lässt in ihrem Buch Vertreter der Wirtschaftselite, dazu Berater, Headhunter und Coaches zu Wort kommen - anonym, damit sie möglichst offen sind.

Herausgekommen ist ein interessantes Psychogramm der deutschen Führungskultur. Die Manager berichten von ihren 16-Stunden-Tagen, vom Misstrauen in den Vorstandsetagen, von ihren Versagensängsten. Deckstein prügelt nicht auf die Manager ein, sie überlässt es ihnen selbst. Die, die hier erzählen, sind natürlich die Guten. Behaupten sie zumindest. Anstatt sich selbst kritisch zu betrachten, beschimpfen sie lieber ihre Kollegen. Von Egomanen, absolutistischen Herrschern, Industrieschauspielern sprechen sie.

"Narzissten mit labilem Selbstwertgefühl", nennt ein Coach die Chefs treffend. Denn obwohl sie nach außen immer den Starken markieren, geben sie auch Einblicke in ihre Schwächen. Etwa davon, dass sie sieben Mal in der Nacht aufwachen, weil die Arbeit sie so quält. Davon, wie "brutal" die Grillpartys sind - die Investorenrunden, auf denen Konzernchefs von den Geldgebern auseinander genommen werden: Das sei "geradezu pervers, psychisch und physisch geht Ihnen das an die Substanz". Oder davon, wie fremdbestimmt sie ihr Leben leben. "Die verfügt über mich", erzählt ein Manager fast verzweifelt, wie seine Sekretärin ihm den Terminkalender vollknallt. Einem kann Deckstein sogar entlocken, dass er fünf Monate nicht mit seiner Frau geschlafen hatte.

"Nicht wenige waren gar nicht einmal abgeneigt, um nicht zu sagen: dankbar dafür, einmal ungeschminkt von den Strukturzwängen und Reglements zu berichten", schreibt Deckstein. Und das merkt man. Wenn sie Teile ihres Lebenslaufs preisgeben, die Sparte, in der sie arbeiten, oder andere Details, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sie sogar erkannt werden wollen - vielleicht auch, um sich von dem Druck zu befreien, der auf ihnen lastet. Einer bittet zum Gespräch in die Anonymität einer Pension in der Eifel, ein anderer aber auch in sein Vorstandsbüro.

Einiges von dem, was die Manager erzählen, ist naheliegend. Klar arbeiten sie viel, klar haben sie es nicht immer leicht, klar tun sie sich auch schwer damit, ihre eigenen Fehler einzugestehen.

Deckstein wirbt für die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns. Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Sparsamkeit, Fleiß, Wahrhaftigkeit, Rücksichtnahme, Gewinnstreben bei gleichzeitiger Beachtung des rechten Maßes - diese Leitbilder seien, so schreibt sie, "im Laufe der Jahrzehnte durch wundersame Fehleinschätzungen der eigenen Selbstmächtigkeit von Managern - und der ihrer Entourage - etwas in Vergessenheit geraten". "Klasse!" ist auch ein Plädoyer für ihre Rückkehr.

Claudia Schumacher
Claudia Schumacher
Handelsblatt / Redakteur
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