Rezension
Zeilen für die kalten Zeiten

Handelsblatt-Mitarbeiter stellen ihre Bücher für den Gabentisch vor.

Scharf beobachtet

Sie werden weniger: die Opfer und Täter der Naziverbrechen. Wer Fragen an die Zeitzeugen hat, muss sie bald stellen. Wie die Tochter in "Unscharfe Bilder", die ihren Vater auf einem Foto in der Wehrmachtsausstellung zu erkennen glaubt. Jener Ausstellung, die das Bild von der sauberen Armee an der Nazi-Front erschütterte. In langen Zwiegesprächen im gediegenen Hamburger Komfort-Altersheim zwingt die Tochter den Vater in verdrängte Erinnerungen - und erträgt es kaum, sich seinen Erlebnissen zu stellen, als er endlich Detail um Detail erzählt.

Hin und her gerissen zwischen seinen Schilderungen der Kriegsgrausamkeiten und dem Verlangen, der Vater möge der gradlinige Held der Kindertage bleiben, gerät die Tochter zeitweise in apathische Zustände. Während der Vater mal um Verständnis heischt und mal gnadenlos und aggressiv in seinen Erinnerungen wühlt. Romanautorin Ulla Hahn, 1946 geboren, schreibt gegen das leichtfertige Urteilen an. Sie will wissen, was deutsche Soldaten an der Ostfront getan und erlitten haben. Einfache Wahrheiten interessieren sie nicht. Eilige Vorurteile sind ihr zu banal, simple Ausflüchte zu platt. Und so lässt sie Vater und Tochter um Fakten und Interpretationen ringen, stellt die scheinbare Objektivität von Fotos den subjektiven Schilderungen gleichgewichtig gegenüber. Die Dialoge erzeugen beim Leser Atemlosigkeit - und Nachdenklichkeit. Ruth Lemmer

Ulla Hahn: Unscharfe Bilder. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 275 Seiten, 9 Euro

Aufruf zum Frieden

Stefan Zweigs autobiografisches Werk "Die Welt von Gestern" ist zwar schon vor 61 Jahren erschienen. Aber seine tiefe Auseinandersetzung mit den verschiedenen kulturellen Einflüssen, die das 20. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg geprägt haben, scheint heute genauso aktuell wie damals. Sehr eindringlich beschreibt der österreichische Schriftsteller jüdischen Glaubens die moralischen Veränderungen in der damaligen europäischen Gesellschaft und geht sehr kritisch mit seiner eigenen kulturellen Herkunft um. Er vergisst nie, dass er als Sohn aus gutem Hause privilegiert ist und dass sein Leben als Literat ein Ausnahmezustand in diesen hektischen von Hunger und Krieg bestimmten Zeiten ist. Der zwei Jahre vor dem Erscheinen des Buches verstorbene Intellektuelle macht zudem mit diesem umfassenden historischen Werk klar, dass der Grund für Kriege selten bei den Völkern liegt, sondern vor allem bei der Machtgier der Regierenden. Er zeigt auf, wie explosiv die Stimmung in der damaligen Zeit war und wie die Kriege den mit Deutschland, Frankreich, Belgien und Großbritannien eng verbundenen Autor dennoch immer wieder überrascht haben. Sein Appell an die Völkerverständigung zum Erhalt des Friedens gilt heute wie damals. Stefanie Müller

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Verlag Artemis & Winkler, 526 Seiten, 24,80 Euro

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