Richard David Precht
„Selbstlose Liebe ist Unsinn“

Richard David Precht hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Musste das sein? Ja, sagt er im Handelsblatt-Interview – und erklärt auch warum. Ein Gespräch über den Egoismus der Verliebten, Sex und andere Spielereien.

Handelsblatt: Warum ein Buch über die Liebe? Gibt es davon noch nicht genug?

Precht: Auf der einen Seite versuchen Naturwissenschaftler, die Liebe zu beschreiben, auf der anderen die Geisteswissenschaftler. Deshalb klaffen die Erklärungen der Liebe so weit auseinander. Liebe ist aber weder ein rein naturwissenschaftliches Phänomen, noch kann sie ausschließlich philosophisch erklärt werden. Wäre das möglich, wäre der Mensch hoffnungslos unterkomplex. Das zu vermitteln ist das Anliegen meines Buches.

Fangen wir mit den Naturwissenschaften an: Hat die Liebe einen evolutionären Sinn?

Viele Biologen vertreten tatsächlich die Ansicht, dass alles im Leben einen Zweck erfüllt. Aber das ist Blödsinn. Darwin selbst hat das übrigens nie behauptet. Wenn etwas nicht so unzweckmäßig ist, dass es zum Aussterben führt, lässt das Leben diese überflüssige Spielerei durchaus zu. Die Liebe ist so eine harmlose Überflüssigkeit. Ähnlich verhält es sich mit der Religion. Es gibt keinen evolutionären Vorteil, der darin besteht, an Gott zu glauben. Der Mensch hat irgendwann seine Endlichkeit erkannt und angefangen, darüber nachzudenken. Wenn er dabei nicht auf den Glauben an einen Gott verfallen wäre, wäre er deshalb trotzdem nicht ausgestorben.

Was ist dran an der Behauptung, dass Männer nicht treu sein können, weil sie ihren Samen so weit wie möglich streuen wollen, während Frauen ihre kostbare Eizelle hüten und sich nur vom besten und stärksten Mann befruchten lassen wollen?

Diese Idee hat ihren Ursprung in unserem biologischen Erbe: Der männliche Affe will so viele Weibchen wie möglich schwängern, während die Weibchen sich nur vom stärksten Affen begatten lassen. Allerdings haben die Weibchen, zumindest bei den Gorillas, gar keine Wahl, außer dem Silberrücken sind in der Horde keine zeugungsfähigen Männchen zugelassen. Dieses Prinzip greift beim Menschen nicht mehr. Weil wir die Fähigkeit zur Reflexion besitzen, tun wir manche Dinge einfach aus Spaß an der Freude und nicht, um einen biologischen Auftrag zu erfüllen. Weil wir unser biologisches Erbe weit hinter uns gelassen haben, gibt es unzählige Spielarten von Liebe. Und deshalb reicht eine biologische Erklärung nicht aus.

Auch nicht für Sex?

Wenn das so wäre, hätten Frauen nach den Wechseljahren keine Lust mehr auf Sex. Haben sie aber, und zwar aus psychologischen Gründen. Beim Sex geht es um das Bild, das der Partner mir von mir selbst vermittelt. Der Sex mit einem Unbekannten ist deshalb so spannend, weil dieses Bild sehr aufregend, sehr überraschend und vor allem sehr positiv ist. Das ist wie mit Komplimenten: Über die unverdienten freut man sich immer mehr als über die verdienten. Der One-Night-Stand ist sozusagen das größte der unverdienten Komplimente, weil er von den unglaublich hohen Erwartungen an die Erotik des anderen lebt. In einer langjährigen Partnerschaft sind diese Erwartungen oft von der Wirklichkeit eingeholt worden: Die Partner kennen einander genau und betrachten sich gegenseitig nicht mit verklärtem Blick. Nach einer Weile bleiben die Überraschungen meist aus.

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