Richard Sennett
Hoffnung für den flexiblen Menschen

„Fast immer siegt Mittelmäßigkeit über Qualität“, sagt Richard Sennett und plädiert in seinem neuen Buch für „gute Arbeit“ um ihrer selbst willen. Ist der berühmte Kapitalismuskritiker altersmilde geworden? Ein Gespräch mit dem Soziologen.

LONDON. „Es gibt in der modernen Welt eine vorherrschende Fantasievorstellung: Leute, die viel Geld verdienen, sind in ihrer Arbeit gut. Das stimmt aber nicht.“ Richard Sennett lacht, lehnt sich zurück und sucht nach einem Beispiel. „Man braucht nur auf den modernen Städtebau zu schauen: Richtig viel Geld verdient wird mit Bürogebäuden und Wohnhäusern, die architektonisch nicht mal mittelmäßig sind.“ Auch in der Automobilbranche findet der amerikanische Soziologe Belege: „Die europäische und amerikanische Dominanz auf dem Markt geht nicht zusammen mit herausragend guter Qualität.“

Ökonomisch gesehen, sei es einfach nicht wahr, dass das Beste an die Spitze gelange, sagt der Professor an der London School of Economics (LSE), der im vergangenen Jahr in Stuttgart den Hegel-Preis erhielt. „Denken Sie mal darüber nach, und Sie werden sehen, dass fast immer Mittelmäßigkeit über Qualität siegt.“ Es sei doch bezeichnend, dass Bill Gates so viel Geld mit einem Programm verdient habe, das eigentlich recht durchschnittlich sei. „Zugespitzt kann man sagen, dass in der modernen Ökonomie statt Wettbewerb auf dem Markt eher Monopoly vorherrscht, und Monopoly führt dazu, dass die Qualität sinkt.“

Qualität ist der Schlüsselbegriff, der immer wieder auftaucht, wenn Sennett über die moderne Arbeitswelt philosophiert. Eine Arbeit um ihrer selbst willen gut tun und sie so gut wie möglich tun, das ist das Leitmotiv seines neuen Buches „Handwerk“, das in Deutschland seit heute in den Buchhandlungen liegt und in der englischsprachigen Welt erst nächsten Monat bei Yale University Press herauskommt.

Ist der berühmte Kapitalismuskritiker altersmilde geworden? In seinen Bestsellern „Der flexible Mensch“, „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ prangerte Sennett die Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft auf den Menschen an – und nun mehr als 400 Seiten über Handwerk und gute Arbeit? Er wollte etwas Positives machen, gibt Sennett zu. Immer wieder habe er in seinen Studien in den vergangenen Jahren bei Menschen der New Economy herausgehört, dass ihre Arbeit für sie ohne Inhalt sei, dass sie ihnen keine Genugtuung gebe.

So entstand die Idee zum Buch: „Ich musste zeigen, was es bedeutet, eine tiefe Befriedigung aus der Arbeit zu ziehen.“ Und genau das meint er mit handwerklichem Können, mit der Verbindung von Kopf und Hand, von Technik und Wissenschaft, über die ein Chirurg ebenso verfügen muss wie ein Musiker, ein Künstler oder ein Programmierer. „Die Feinde der Qualität sind Konkurrenzdruck, Frustration oder Besessenheit.“

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