Robert Ide
"Der Generationenkonflikt im Osten wurde eher schweigend ausgetragen"

Ein Interview mit Robert Ide, 31, über sein neues Buch "Geteilte Träume - Meine Eltern, die Wende und ich". Darin beschreibt der Journalist, was aus den Träumen seiner Generation und der seiner Eltern nach der Wende geworden ist.

Handelsblatt: Herr Ide, in Berlin, wo Sie wohnen, war ich in der Friedrichstraße in zwei großen Buchhandlungen. Einmal war Ihr Buch "Geteilte Träume - Meine Eltern, die Wende und ich" in der Abteilung Politik/Biographien zu finden, das andere Mal stand es bei Soziologie. Sind Sie mit diesen Kategorien einverstanden?

Robert Ide: So lange ich nicht unter Zoologie zu finden bin, ist das in Ordnung. Auch das gibt es ja heute noch, dass Ostdeutsche wie die Tiere im Zoo betrachtet werden. Ich selber finde, dass ich ein Sach- und Erzählbuch geschrieben habe über das Leben der jungen Ostdeutschen meiner Generation und der Generation meiner Eltern. Wie wir die Wende erlebt haben und was wir aus dem neuen Leben gemacht oder auch nicht gemacht haben.

Sie waren 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Mittlerweile arbeiten Sie als stellvertretender Ressortleiter Sport beim Tagesspiegel in Berlin. Wie kamen Sie auf die Idee, dies Buch zu schreiben?

Der entscheidende Anstoß zu dem Buch kam von meiner jetzigen Agentin Diana Stübs. Ich habe als Journalist immer wieder Interviews und Reportagen über erfolgreiche Ostdeutsche gemacht. Am Ende habe ich sie immer gefragt: Was machen eigentlich Ihre Kinder? Die Antwort war fast immer dieselbe: Sie studieren oder arbeiten im Westen. Irgendwann rief mich Diana Stübs an und sagte: Das ist doch ein Thema für ein Buch. Wenn selbst diese Leute, die im Osten versuchen, etwas aufzubauen, ihre Kinder nicht überzeugen können, dazubleiben.

Wer ist denn eigentlich die Zielgruppe des Buches?

Bei den bisherigen Lesungen habe ich festgestellt, dass das Buch sowohl Westdeutsche als auch Ostdeutsche interessiert. Das Westpublikum interessiert sich sehr stark für den Generationenkonflikt im Osten, der im Gegensatz zum Westen nicht laut, sondern eher schweigend ausgetragen wurde. Junge Ostdeutsche erzählen mir genau aus diesem Grund, dass sie das Buch kaufen, um es ihren Eltern zu schenken. Allgemeiner formuliert, möchte ich zu einem besseren Verständnis zwischen den Generationen im Osten beitragen, aber auch das Verständnis für den Osten im Westen erhöhen.

Sie erzählen anhand von vielen privaten Anekdoten und recherchierten Geschichten, wie Sie und viele Ihrer Freunde die Chance nach der Wende genutzt haben. Der Titel suggeriert allerdings, dass man auch von den Träumen Ihrer Eltern erfährt und was aus denen geworden ist. Das kommt ein bisschen kurz?

?da würde ich widersprechen. Ich beschreibe schon, was die ältere Generation denkt. Was sie über ihre frühere Heimat denken, warum sie deswegen heute so traurig sind. Dass vielen der Mut fehlt, weil sie keine Arbeit mehr haben. Sie haben sich in ihre Nischen zurückgezogen und trauen sich nicht mehr zu träumen. Viele wünschen sich eine idealisierte Mischung aus Sozialismus und Freiheit herbei. Da das nicht funktioniert, gibt es im Osten eine depressive Stimmung, die gerade von den Älteren getragen wird.

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