Roman von Michel Friedman
Totengebet für die Eltern

Ein Mann sitzt am Bett seines Kindes. Er kann nicht schlafen und erzählt seinem kleinen Sohn eine Geschichte. Kein Gute-Nacht-Märchen, nein. Es ist ein jüdisches Totengebet, ein "Kaddisch", in dem der Holocaust die Hauptrolle spielt. "Kaddisch vor Morgengrauen" ist der Titel des Romans, sein Autor heißt Michel Friedman.

HB BERLIN. Für manche Menschen ist Schreiben Therapie. Seht her, so wurde ich, wie ich bin. Hier sind meine alten Verletzungen, das ist meine Geschichte. Vielleicht ist es Michel Friedman auch so gegangen nach seinem tiefen Absturz aus dem öffentlichen Leben vor zwei Jahren, als er wegen seiner Kokain-Affäre von den politischen Ämtern zurücktrat.

Das Buch ist bewusst eine literarische Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Der autobiografische Bezug legt sich jedoch wie eine Folie über den Roman, was dazu führt, dass Autor und Hauptfigur beim Lesen nur schwer zu trennen sind.

Michel Friedman wurde 1956 als Sohn einer polnisch-jüdischen Familie in Paris geboren. Seine Eltern waren im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Auch Friedmans Protagonist Julien ist der Sohn polnischer Juden, sein Vater Ariel und seine Mutter Sarah sind die einzigen Überlebenden eines großen Familienclans. Julien, ihr Sohn, ist wie ein Geschenk für sie, er garantiert ihnen das Weiterleben.

Die Bürde, die sie ihrem Sohn damit auflasten, ist immens. Friedmans Hauptfigur ist ein manischer Held, der glaubt, kein eigenes Leben zu leben und nur das zu tun, was seine Eltern von ihm wollen. So trägt Julien einige Blessuren davon, bis er kapiert: "Kein Mensch kann vor sich und seiner Geschichte fliehen. Sie setzt sich fort, wird weitergegeben, von den Eltern auf die Kinder, von den Kindern auf die Enkelkinder."

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