Romankritik
Stalins Geist in Putins Russland

Die Polizei als Killer AG, der Massenmörder als Polit-Ikone - 25 Jahre nach „Gorki Park“ präsentiert Martin Cruz den sechsten Roman um seinen Helden, den Chefermittler Arkadi Renko. Der Krimi wirkt dabei stellenweise so grotesk, wie es das heutige Russland mit seinen krassen sozialen Gegensätzen ist.

DÜSSELDORF. „Woher wussten Sie, dass Sie sich an die Polizei wenden müssen, um Ihren Mann umbringen zu lassen?’ fragte Arkadi Renko die Frau. Ihre lapidare Antwort: ,Macht man das nicht so?’ Arkadi musste ihr recht geben.“ Willkommen im Reich des Wladimir Putin. Mordete die Polizei zu Sowjetzeiten ausschließlich im Auftrag von Staat und Partei, so kann sich heute jedermann – soweit er über das nötige Geld verfügt – an die Ordnungshüter wenden, um einen unliebsamen Zeitgenossen umbringen zu lassen.

Fesselnder hätte Martin Cruz Smith mehr als 25 Jahre nach „Gorki Park“ der Einstieg in den sechsten Roman um seinen Helden, den Chefermittler Arkadi Renko, schwerlich gelingen können. Leider hält das Buch nicht ganz, was der Anfang verspricht. Es überragt aber alle Romane seit dem Erstlingswerk um Längen.

Der Anruf, den Renkos Assistent Viktor Orlow auf dem Telefon eines Kollegen entgegennimmt und der sich als Mordauftrag entpuppt, führt sie auf die Spur der berüchtigten Eliteeinheit OMON und deren Verbrechen im Tschetschenienkrieg. Gleichzeitig taucht Stalins Geist in der Moskauer U-Bahn auf. Renko soll den Vorfall untersuchen, denn Wahlen stehen vor der Tür, bei denen ein vermeintlicher Held der OMON als Spitzenkandidat einer Rechtspartei antritt, für die US-amerikanische Wahlkampfhelfer im Hintergrund die Fäden ziehen.

Der Diktator ist in Russland inzwischen wieder so populär, dass sich Linke wie Rechte in seinem Glanz sonnen möchten. Ein alter Kommunist beklagt: „Sie sehen, wie empörend es ist, dass die Russischen Patrioten Stalin für sich reklamieren. Stalin ist und bleibt unser.“ Man stelle sich vor, in Deutschland würden sich die Parteien um das politische Erbe Adolf Hitlers streiten ...

Die Polizei als Killer AG, der Massenmörder als Polit-Ikone; Cruz Smith dreht den Plot ins Groteske, so grotesk, wie das heutige Russland mit seinen krassen sozialen Gegensätzen ist. Die Oligarchie feiert in Luxusclubs demonstrativ ihren neuen Reichtum, die Halbwelt wird zum Establishment. Gleichzeitig verarmen große Teile der Bevölkerung. Und überall trifft man auf das unselige Sowjeterbe, das man nicht loswird, eben Stalins Geist: Bei Bauarbeiten im Gebäude des Obersten Gerichtshofs wird ein Massengrab mit Stalin-Opfern entdeckt.

In Twer, einer Stadt bei Moskau, exhumieren Freiwillige vermeintliche Soldaten der Roten Armee aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich als polnische Intellektuelle entpuppen, die vom Geheimdienst 1940 ermordet wurden. Die Mörder hatten dabei „eine Vorliebe für deutsche Technik“, sie benutzten eine Pistole der Marke Walther.

Der Einzige, der dabei nicht irrsinnig wird, scheint Renko zu sein. Aber selbst er kann in seinen Erinnerungen vor Stalins Geist nicht fliehen, war sein Vater doch einer von dessen Lieblingsgenerälen.

MARTIN CRUZ SMITH
Stalins Geist
Bertelsmann, München 2007
365 Seiten, 19,95 Euro

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