Rudolf-August Oetker
Spiegel der Macht

Rudolf-August Oetker war nicht nur einer der erfolgreichsten Unternehmer der Nachkriegszeit. Er war auch ein Mäzen und Kunstsammler. Etwa 80 Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus seiner Sammlung stellt bis Ende Juli das Bayerische Nationalmuseum in München aus. Danach kehren sie voraussichtlich für Jahrzehnte wieder in die privaten Gemächer des Oetker-Clans zurück.
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MünchenDeutschlands Puddingkönig war ein stiller Genießer. Jedenfalls, wenn es um die Kunst ging. Rudolf-August Oetkers Leidenschaft gehörte den Alten Meistern und Malern des 19. Jahrhunderts, dem deutschen Porzellan des Rokoko und vor allem auch den Goldschmiedearbeiten aus Renaissance und Barock. Doch seine Schätze öffentlich auszustellen, das mochte der Firmenpatriarch aus Bielefeld nicht so sehr. 2002 – da war er bereits 86 Jahre alt – hatte er einige davon erstmals im Westfälischen Landesmuseum in Münster als Sammlung eines Privatmannes präsentiert. Das kann man kaum anders bewerten als das Understatement eines Connaisseurs. Denn allein die 80 ausgewählten Pokale und Trinkgefäße aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus der Oetker-Sammlung, die derzeit im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen sind, gehören zum Schönsten und Bedeutendsten, was Goldschmiede in den damaligen Luxushochburgen Augsburg, Nürnberg und Dresden hervorgebracht haben.

Die Gefäße spiegelten Macht und Reichtum und erzählen von Tischsitten und Begrüßungsritualen. Manchmal waren sie auch Ausdruck von Mode wie jener Tulpenpokal des Nürnberger Meisters Sigmund Bierfreund von 1657. Er thematisiert die Tulpenmanie aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und zählt wie die Birnen- und die Akelei-Pokale zu jenem Typus, der in der Natur sein Vorbild fand. Doch Oetker suchte nicht nur Schönheit, er suchte Kunstwerke von historischer Dimension und Einmaligkeit.

Erwerbungen aus bedeutenden Sammlungen

Zwischen Humpen mit gravierten Landschaftsdarstellungen auf der Gefäßwandung und Deckelpokalen mit meisterlich gearbeiteten plastischen Bekrönungen, zwischen Kokosnusspokalen und Trinkspielen in Schiffsform wirkt der Deckelpokal von 1683 zum Gedenken an die Schlacht gegen die Türken vor den Toren Wiens wie ein politisches Siegesmonument. Der Kaiser triumphiert mit Reichsapfel und Kreuz auf dem Deckel der Kuppa, während der aus einem Dromedar und Halbmond bestehende Schaft den in die Knie gezwungenen Feind symbolisiert.

Schon 1949 hatte Rudolf-August Oetker zu sammeln begonnen. Doch eins erkannte er früh: große Kunst ging schon vor Jahrhunderten in die Hände potenter Sammler. Und wenn sie auf den Markt kam, war Oetker zur Stelle. Die Rothschilds, die übrigens das hier gezeigte frühbarocke Paar Deckelpokale von Philipp Stenglin im 19. Jahrhundert nachträglich mit ihren Standessymbolen verzierten, der Silbersammler Philipp Jakob Manz, der um 1900 als Architekt und Baurat in Stuttgart wirkte, oder der deutsche Bankier Eugen Gutman aus der Zeit Bismarcks. Sie alle sind prominente Vorbesitzer Oetkerscher Exponate.

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Erfolg einer Dynastie

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