Russlands Präsident wandelt auf den Spuren von Jurij Andropow
Wladimir Putin – ein Politiker zwischen Illusion und Realität

Der russische Präsident Wladimir Putin ist auf dem besten Weg, dass sich sein Bild als Politiker zwischen Illusion und Realität verliert, den Grundstoffen der russischen Mythologie. Die vielen Autoren, die Bücher über ihn schreiben, ahnen, warum die Zustimmung für ihn trotz schlechter politischer Bilanz noch immer so groß ist.

BERIN. Der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew wurde vor einiger Zeit gefragt, was er denn von seinem Präsidenten Wladimir Putin halte. Jerofejew sagte: "Es gibt zwei Putins, vielleicht sogar mehr. Er hat sich noch nicht entschieden, was er sein möchte, russisch oder europäisch, demokratisch oder autoritär." Das sagte jener Schriftsteller, der gerade seinen autobiografischen Roman "Der gute Stalin" veröffentlicht hatte. Das war im Jahr 2004, vier Jahre nach Putins Amtsantritt, zur Halbzeit der auf acht Jahre angelegten Präsidentschaft. Vielleicht wird irgendwann einmal ein Buch erscheinen, das einen ähnlichen Titel trägt: "Der gute Putin".

Putin war noch kein Premier, als er im Frühsommer 1999 mit einem Strauß Blumen die Kreml-Mauer besuchte. Dort ging er zum Grab von Jurij Andropow, legte die Blumen vor die Grabtafel und verharrte, als würde er beten. Danach wurde Putin Ministerpräsident. Als Putin noch kein gewählter, nur ernannter Präsident war, ordnete er Anfang 2000 an, dass vor der KGB-Zentrale in Moskau, der Lubjanka, eine Gedenktafel für Jurij Andropow angebracht wird. Als die Tafel enthüllt wurde, stand Putin dabei. Danach wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt.

Putin verehrt Andropow. Und viele Russen, viele Sowjets verehren bis heute Andropow. Es gibt zahllose Legenden um den langjährigen KGB-Chef. Andropow liebe amerikanische Swing-Musik, Andropow schreibe selbst Gedichte, Andropow sei ein Kämpfer gegen die Korruption, gegen die Verschwendung, gegen den Alkoholismus. Nur: Andropow starb 1984 bereits 15 Monate nach seiner Ernennung zum Generalsekretär der KPdSU. Dieser schnelle Tod erst machte ihn unsterblich. Was alles hätte sich in der Sowjetunion zum Guten wenden können, hätte Andropow länger gelebt. Doch es kamen Gorbatschow, Jelzin - und Putin.

Putin hadert mit dieser Ahnenreihe, und man ahnt, dass er sich nicht wohl fühlt in dieser Chronologie. Ende April in seiner Jahresansprache geißelte er den korrupten Beamtenapparat, er kritisierte den Terror der Steuerbehörden, und schließlich brandmarkte er den Zerfall der Sowjetunion als die "größte geopolitische Katastrophe" des vergangenen Jahrhunderts. All das hätte Andropow nicht anders gesagt, nein, er hätte all dies verhindert. Putin bleibt nur die Aufgabe, die Scherben zusammenzukehren. Aber er weiß nicht, wohin mit ihnen, und schlimmer noch: was mit dem Rest anfangen.

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