Salzburger Festspiele
Zwei Teile "Faust" mit sechs Schauspielern in acht Stunden

Sehr selten wird Goethes Faust in beiden Teilen gespielt. Noch seltener am Stück und ohne kräftige Striche in Teil zwei. Regisseur Nicolas Stemann hat das Abenteuer gewagt: mit sechs Schauspielern für über 200 Rollen.
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HalleinEinen Rekord hat er nicht gerissen - Nicolas Stemanns Salzburger „Faust“-Marathon. Den hält, wohl für alle Zeiten uneinholbar, Regie-Altmeister Peter Stein, der auf der Expo 2000 in Hannover eine ungestrichene Aufführung beider Teile von Goethes mehr als 12.000 Verse umfassender Monster-Dichtung präsentierte. Fast einen ganzen Tag dauerte damals das Spektakel. Stemann brachte es auf der Perner-Insel in Hallein bei Salzburg in der Nacht zum Freitag inklusive mehrerer Pausen „nur“ auf gute acht Stunden. Dafür wurde seine Interpretation des Stoffes vom Premierenpublikum bejubelt. Das Echo auf Steins Mammut-Inszenierung fiel dagegen
ziemlich desaströs aus.

Die Begeisterung des Publikums, das frühmorgens erschöpft, aber glücklich schien und mit heftigem Beifall, Bravorufen und Fußgetrampel reagierte, galt vor allem den Schauspielern des Hamburger Thalia Theaters (der Faust-Marathon wird ab September auch in der Hansestadt zu sehen sein), die schier Übermenschliches leisteten. Stemann hatte die mehr als 200 Figuren aus Goethes Vorlage auf nur sechs Mimen verteilt, die zeitgleich in mehrere Rollen schlüpften und ungeheure Textmengen zu bewältigen hatten.

In „Faust I“ setzte Stemann sogar nur auf drei Schauspieler: Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair und Patrycia Ziolkowska, zu denen sich im zweiten Teil mit Barbara Nüsse, Birte Schnöink und Josef Ostendorf drei weitere Mimen hinzugesellen. Weite Passagen des kompakten ersten Teils, der ungleich öfter gespielt wird als der ausufernde zweite, glichen inneren Monologen, was zu großer Dichte und dramatischer Intensität führte. Nur in Schlüsselszenen wie dem Teufelspakt, in dem Faust Mephisto seine Seele verkauft, um alle irdischen Genüsse zu erlangen, sowie in der Gretchentragödie gab es echte Dialoge.

Ganz anders bracht Stemann Faust II auf die Bühne der Perner-Insel. Nicht als intimes Kammerspiel, sondern als kunterbunte, mitunter schrille Multimedia-Revue, in der die Schauspieltruppe Unterstützung bekam von Tänzern, Musikern, Puppenspielern, einem Zeichner und sogar einem Wiener Sängerknaben. Im Hintergrund liefen ständig Videos, entweder aus der Konserve oder von einem Kameramann live auf der Bühne gefilmt. Regisseur Stemann gab selbst den Conferencier und Sänger und erinnerte dabei an Christoph Schlingensief, der sich auch gern zum Thema seiner Theaterinstallationen machte.

Natürlich hatten die Theater-Marathonläufer um Stemann auch so etwas wie eine aktuelle, politische Botschaft. Im „Faust II“ wechselt Faust von der „kleinen Welt“ des ersten Teils mit Studierstube, Auerbachs Keller und Gretchens Kämmerlein in die „große Welt“ der Wirtschaft und des Geldes. Er hilft dem Kaiser, dessen Reich in der Krise steckt, durch Papiergeld-Schöpfung aus der Patsche. Doch die Erholung ist nicht nachhaltig. Am Ende steht ein Krieg, an dem Faust und Mephisto als Söldner teilnehmen. Ihren Lohn investieren sie in Landbesitz, in die Unterwerfung der Natur und der einheimischen Bevölkerung. Für Stemann gehört der hellsichtige
Dichterfürst zu den ersten, die die Risiken des „faustischen“ Drangs des Menschen nach ewigem Wachstum, nach dem immer Höher-schneller-weiter erkannt haben.

Das nutzt der Regisseur für eine ironische Abrechnung mit den Urhebern der jüngsten Banken- und Finanzkrise. Mit einem Tänzer im Tütü und Deutsche-Bank-Logo auf der Brust, der quicklebendig weiter tanzt, als die ohnmächtigen Demonstranten längst tot am Boden liegen. Dabei kommt auch der als Salzburger Festspielredner ausgeladene Globalisierungskritiker Jean Ziegler zu seinem Recht, der seine nicht gehaltene Rede, eine wüste Abrechnung mit Bankern und Spekulanten, jüngst in einem Salzburger Verlag veröffentlichte. Der aktuelle Verweis provoziert, vielleicht etwas wohlfeilen, Szenenapplaus.

Am Ende seiner Faust-Dichtung, die Goethe fast sein ganzes Leben lang beschäftigt hatte, deutet der Dichter so etwas wie eine Erlösung an. Auch Stemanns Faust-Revue endet heiter-ironisch mit einem „Reigen seliger Geister“ im Stil eines Musical-Finals, in dem sich gute und böse Mächte versöhnen. Ob die Menschheit eine zweite Chance hat angesichts der von ihr verursachten Mega-Krisen, darauf hat Stemann allerdings ebenso wenig eine Antwort wie Goethe.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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