Sammelband
Wer war Axel Cäsar Springer?

Im Archiv des Springer-Konzerns gibt es ein Foto, das den Verleger mit einem hellen Lichtreflex über dem Kopf zeigt. Jeder im Haus wusste, dass Axel Cäsar Springer dieses Bild besonders liebte, und die Zeitungen des Hauses druckten es zu seinen Lebzeiten immer wieder und lange danach.

HB BERLIN. Irgendwie scheint das Foto mit dem schönen Schein im kollektiven Bewusstsein des Verlages zu verblassen. Im neuen, diese Woche vorgestellten hauseigenen Erinnerungsbuch zum 20. Todestag des Verlegers taucht dieses Foto nicht mehr auf, und das ist sympathisch. Das schon zu Lebzeiten oft zum Denkmal erstarrte Bild Axel Springers weicht jetzt einer Vielzahl lebensnaher Fotos. Wir sehen ihn mal mit und mal ohne Bart, dicker oder schlanker, fast immer mit diesem leicht spöttischen, furchtsamen Blick - eben ein Mensch, keine Ikone.

Firmenbücher zu Jubiläen eines Gründers liegen oft schwer in der Hand und verstauben schnell. Dieses Buch ist anders, höchst lebendig und gegenwärtig. 20 Autoren schreiben über Axel Springer, reflektieren über Begegnungen mit ihm oder mit seinen Medien. Und da die meisten von ihnen zu jung sind, um Axel Springer persönlich gekannt zu haben, verliert sich das Buch auch nicht in den vielen bizarren Details seines Lebens, die in zwei Biografien weitreichend dargestellt wurden. Auch nicht um die furchtbaren Entgleisungen seiner Blätter, die er letztlich gedeckt und in bestimmten Phasen auch gefördert hat.

Hier geht es mehr um die eigentlich wichtige Frage: Welche Bedeutung hat das Lebenswerk heute? Das Buch gibt keine umfassende Antwort, kann es auch nicht, immerhin aber spannende Gedanken und Anregungen.

Im Zentrum stehen das Eintreten Springers für die Aussöhnung mit Israel und seine Vision eines geeinten Deutschlands, ohne in den engstirnigen Nationalismus der 20er-Jahre zu verfallen. Henry A. Kissinger, der ehemalige amerikanische Außenminister aus dem fränkischen Fürth, schreibt: "Für die meisten Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks liegen die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges so weit zurück, dass sie für ihr heutiges Leben kaum noch als bedeutsam empfunden werden. Dass dies so ist, kann sich die Nachkriegsgeneration als Verdienst zuschreiben."

Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", vertieft diesen Gedanken: "Dass in Deutschland Rassismus und Antisemitismus auch in den bildungsfernen Schichten keine Chance auf Öffentlichkeit hatten, ist vor allem ihm (Springer) zu verdanken. Indem er seinem Verlag Grundsätze verordnete, machte er den dumpfen Affekt wenn nicht stumm, so doch monologisch. Die alten und neuen Nazis hatten keinen Gesprächspartner, kein Forum ... während die Studenten das Lebensrecht Israels für diskussionswürdig befanden, verfügte er, dass es Dinge gibt, über die niemals zu diskutieren ist."

Es ging aber nicht nur um die seltsame Palästinenser-Welle unter den deutschen Studenten. Gedanken-Fetzen aus der Zeit des Dritten Reiches fanden mehr oder minder verbrämt auch Einlass in nicht wenige Sonntagsreden deutscher Politiker - Reden, die heute vermutlich zum schnellen Sturz des Politikers führen würden. Die Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft war in jenen Jahren nicht gesichert. So gehört für die Autorin Mariam Lau zu den größten Rätseln, warum Springer dem Publizisten Hans Zehrer die "Welt" anvertraute. Zehrer hatte 1931 in der völkischen Monatszeitschrift "Die Tat" geschrieben: "Das verrottete System der Weimarer Republik muss weg, Parteien und Parlament sind verdorbene Kinder dieses undeutschen Liberalismus. Nur autoritäre Figuren können das Land retten. Die Ausrichtung nach Westen ist falsch, daher kommt die Dekadenz."

Die Antwort mag unbefriedigend sein: Springer hatte ein untrügliches Gespür für Menschen mit vulkanischer Energie und Kreativität. So fand er seine großen Chefredakteure für seine Massenblätter. Zehrer und die "Welt" waren ein Sonderfall, Springer war in jener Zeit noch ein Suchender, in dem das offene Weltbild zwar fest verankert war, allerdings mehr instinktiv, noch nicht klar umrissen wie später.

Egon Bahr, der als Architekt der Ostpolitik von den Springer-Zeitungen oft verleumdet wurde, findet in seinem Beitrag die Größe, die Bedeutung des Verlegers mit einem Satz von Willy Brandt zu untermauern: "Springers Patriotismus endet nicht an der Grenze der Bundesrepublik." Auch ein Satz, der angesichts der Globalisierung in die Zukunft weist.

MATHIAS DÖPFNER (Hrsg.): Axel Springer - Neue Blicke auf den Verleger. Eine Edition aktueller Autorenbeiträge und eigener Texte Axel-Springer-Verlag, Berlin 2005, 256 Seiten, 19,80 Euro

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