Sammlung Hermann Göring
Suche nach den rechtmäßigen Erben

Das Bayerische Nationalmuseum in München arbeitet seine Bestände der Sammlung Hermann Göring auf. Den Anfang macht ein zweijähriges Forschungsprojekt zu den Skulpturen. Der Wille zu Aufklärung und Gerechtigkeit ist groß; viele Fragen aber sind weiterhin offen.
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MünchenFür 38.000 Reichsmark hatte die Stadt Berlin 1941 bei dem Münchner Kunsthändler und Hermann Göring-Vertrauten Walter Bornheim eine österreichische Ritterfigur von ca. 1520 gekauft: als Geschenk für den Reichsmarschall. Auf Bornheims Empfehlung konnte man sich verlassen. Wie viele im Dritten Reich wusste er, dass Göring, der manisch Kunst sammelte, Rittern, heiligen Recken und sanften Marien den Vorzug gab gegenüber Kruzifixen.

Der Ritter mit dem feingeschnittenen Gesicht gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert neben weiteren 420 Textilien, Silberarbeiten und plastischen Werken aus der Göring-Sammlung zum Bestand des Bayerischen Nationalmuseums. Verschwiegen hat es dieses explosive nationalsozialistische Erbe nie. Aber erst vor zwei Jahren wurden finanzielle und personelle Mittel bereitgestellt, um damit die Erwerbsgeschichte dieser 72 mittelalterlichen Skulpturen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Widersprüchliche Faktenlage

Das Bayerische Nationalmuseum stellt sich damit seiner politischen Verpflichtung im Umgang mit diesen Objekten. Der Wille, Licht in die kriminellen Kunst-Machenschaften der Nazis und ihrer Helfer zu bringen und rechtmäßige Erben auszumachen, ist groß. Doch die Faktenlage bleibt trotz akribischer und versierter Recherche der Provenienzforscherin Ilse von zur Mühlen widersprüchlich und lückenhaft. Nur drei Skulpturen werden wieder bedenkenlos an ihren angestammten Platz geschoben. Bei etwa drei Viertel sind die Lücken so groß, dass derzeit gar keine Schlüsse gezogen werden können.

Bei 15 Skulpturen existieren Hinweise auf möglicherweise verfolgungsbedingtes Unrecht. Zu dieser Kategorie zählt auch der anmutige Ritter. Die von dem Kunsthändler Bornheim genannte Bezugs-Quelle wirft tief greifende Fragen auf. Es könnte die Sammlung des Kölner Josef Harth gemeint sein, der 1941 ins KZ deportiert wurde und dort umkam; es könnten aber auch die Kunsthändler Mathias und Ludwig Hart in Betracht kommen.

Preisverfall oder Willkür?

Weiterer Forschungsbedarf besteht beispielswiese auch bei einem dreiflügeligen Altar aus dem 16. Jahrhundert. Bis 1935 war er wohl Besitz der jüdischen Kunsthandlung Bernheimer, die ihn als Sicherheit für einen Kredit bei der Dresdner Bank hinterlegte. Bis 1933 wurden die Tafeln mit 60.000 Reichsmark bewertet, kurz darauf auf die Hälfte des Wertes herabgestuft und über die Bank an die Staatlichen Museen verkauft. Preisverfall oder Willkür gegenüber jüdischem Besitz? Profiteur war letztlich Göring. Der zweite Mann im dritten Reich kaufte die Tafeln 1937 für nur 3.000 Reichsmark von den Museen für seinen Herrschaftssitz Carinhall nördlich von Berlin, das er freilich auch mit Alten Meistern und kostbaren Tapisserien ausgestattet hatte.

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