Sammlung Jägers
Fälschungen mit fingierter Provenienz

Ein Quartett hat seit 2000 Gemälde der Klassischen Moderne gefälscht. Jetzt stehen die Betrüger vor Gericht. Elf Falsifikate haben 15,8 Mio. Euro eingespielt, weil auch die Herkunftsnachweise clever gefälscht waren.

Im Kölner Amts- und Landgericht begann gestern einer der größten Kunstfälscherprozesse aller Zeiten. Der Andrang war gewaltig. Über 50 Journalisten, Fotografen, ein Fernsehteam und mindestens noch einmal so viele Zuhörer begehrten Einlass in Saal 7. Unter den Beobachtern befand sich zu Beginn auch der Mann, dem die Enttarnung der Fälscherbande zu verdanken ist: Ralph Jentsch ist der Biograf des Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878 - 1937) und Nachlassverwalter des Œuvres von George Grosz. Jentsch musste auf Anordnung des Vorsitzenden Richters am Landgericht, Wilhelm Kremer, den Saal verlassen, da er später noch als Zeuge auftreten wird.
Im Blitzlichtgewitter der Presse standen zunächst nur die sieben Rechtsanwälte der Beschuldigten und eine einzige Angeklagte, die gegen Kaution auf freiem Fuß lebende Jeanette S. (54). Sehr korrekt mit Halstuch, Blazer und Jeans bekleidet, aber grau im angespannten Gesicht, stellte sie sich den zudringlichen und neugierigen Blicken der Zuschauer, die bis auf Tuchfühlung an sie herantraten. Verspätet betraten durch eine separate Hintertür die drei in U-Haft sitzenden Angeklagten den Saal, Otto Schulte-Kellinghaus (67), ein fast siegessicher in die Runde lächelnder Wolfgang Beltracchi (60) in lässigem Outfit und mit Lockenkopf und dann mit stoischer Miene seine Frau, die langhaarige Helene Beltracchi (52), Schwester von Jeanette S.

Anderthalb Stunden brauchte Staatsanwältin Kathrin Franz, um die 30-Seiten-Anklage gegen die vier Beschuldigten herunterzurasseln. Wer sich mit der Materie nicht auskannte, bekam nur wenig mit. Der Tatvorwurf lautet: gewerbs- und bandenmäßiger schwerer Betrug in 14 Fällen (davon drei Versuche), in Tateinheit mit Urkundenfälschung, wobei Jeanette S. nur in drei Fällen betroffen ist.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten Helene und Wolfgang Beltracchi und Otto Schulte-Kellinghaus sich spätestens 2000 zusammengetan haben, um in arbeitsteiliger Vorgehensweise gefälschte Kunstwerke in Verkehr zu bringen. 2003 sollen sie Jeanette S. eingeweiht haben. Wolfgang Beltracchi habe die Falsifikate nach berühmten Expressionisten entweder selbst hergestellt oder sie von unbekannten weiteren Mittätern anfertigen lassen. Die drei anderen Angeklagten sollen die Fälschungen in den Kunsthandel geschleust haben oder es zumindest versucht haben. Dafür erfanden sie zwei Legenden - die Herkunft (Provenienz) aus der "Sammlung Jägers", aufgebaut vom Großvater der Schwestern, und aus der "Sammlung Wilhelm Knops", dem Großvater von Otto Schulte-Kellinghaus.

Dass sich nationale und internationale Auktionshäuser, Galerien und namhafte Experten zwischen 2001 und 2010 von den Fälschungen haben täuschen lassen, lag, u.a. am Einsatz von alten Leinwänden und künstlichen Holzwurmlöchern. Es lag aber auch, wie im Handelsblatt berichtet, an den clever fingierten Herkunftsgeschichten. Die Provenienzen sind wichtig für die Einschätzung von Kunst. Versteigerer und Galeristen fragen diese beim Einlieferer ab, weil sie den Wert erhöhen.

Rund 15,8 Millionen Euro sollen die Beschuldigten mit dem Verkauf von elf Bildern seit 2001 verdient haben. Ein weiterer Zufluss von 6 Millionen Euro konnte laut Staatsanwaltschaft verhindert werden. Bei drei weiteren Bildern scheiterte der Verkauf. Das Geld floss auf ein Nummernkonto in Andorra. Erst diese Woche gingen bei Gericht sieben Akten mit Kontoauszügen und Untersuchungsberichten aus Andorra ein. Die Angeklagten äußerten sich nicht zu keinem Tatvorwurf.

In 40 Verhandlungstagen müssen weit über 100 Zeugen und zehn Sachverständige gehört werden. Das Urteil zu den 14 ausermittelten falschen Gemälden von Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein und Kees van Dongen soll am 7. März 2012 fallen. In einem zweiten Prozess wird es um die Fälschung von weiteren 33 Gemälden gehen, die der raffinierten Bande zur Last gelegt werden.

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