Sandro Botticelli
Der Ausstellungsliebling ist auch ein Marktliebling

Das Frankfurter Städel hat einen neuen Besuchermagneten. Sandro Botticellis Madonnen und realistische Porträts locken die Massen. Doch der Hauptmeister der Frührenaissance spielt auch regelmäßig auf dem Kunstmarkt eine Rolle.
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FRANKFURT. Sandro Botticelli war mehr als ein Zeitgeist-Künstler. Die aktuelle Ausstellung des Frankfurter Städel huldigt einem Maler, der schon kurz nach seinem Tod (1510) als unmodern galt. Obwohl der große Künstlerbiograph Giorgio Vasari seiner Malerei in der 1568 erschienenen zweiten Ausgabe der Künstlerviten noch "tiefes Nachdenken und feinen Scharfsinn" attestiert, galt sein durch den Karmelitermönch Fra Filippo Lippi geschulter Stil in der Ära Raffaels und Michelangelos bereits als veraltet. Die Vorherrschaft der von den Medici geförderten Florentiner Kunst war päpstlich-römischer Dominanz gewichen.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die europäische Kunstwissenschaft, sich multinational neu für den als Maler lieblicher, engelsumrauschter Madonnen verschrienen Künstler zu interessieren. Bernard Berenson, W. Pater und Aby Warburg sind drei der wichtigsten Namen, die zur Revision eines einseitigen Künstlerbildes beitrugen, das schon in R. Crowes und Cavalcaselles 1870 in Leipzig erschienener "Geschichte der italienischen Malerei" korrigiert wird. Heute führt uns die Flut der Botticelli-Bilderbücher und Reproduktionen einen Star der Kunstgeschichte vor Augen, dessen Hauptwerke kulturelles Allgemeingut sind.

Hauptwerke sind in der Frankfurter Ausstellung Mangelware. Doch wer hätte schon gehofft, in den engen Räumen dieser Sonderschau, in der sich Menschentrauben vor den Zeichnungen und Bildern drängen und auch noch zahlreiche Führungen den Blick verstellen, die zentralen großformatigen Tafelbilder aus den Uffizien zu sehen. Nur das Hochformat "Minerva und der Kentaur", das als Allegorie der die Unkeuschheit besiegenden Tugend zu lesen ist, kommt aus dieser erlauchten Gemäldereihe. Doch es ist nur Teil eines Bildprogramms, das als Begleitbild des berühmten "Frühling" die eheliche Liebe feiert.

Porträts werden zu tiefsinnigen Charakterstücken

Immerhin geben die Ausstellung und ihr 370 Seiten starker Katalog jenseits aller unerfüllbaren Leihgabenwünsche pointierte Einblicke in das Gesamtwerk. Vor allem der Bereich der Porträts ist gut repräsentiert. Hier zeigt sich, dass Botticelli nicht Adept, sondern Vollender der Florentiner Bildnismalerei von Antonio und Piero Pollaiuolo bis Piero della Francesca ist. In Profilporträts wie der Frankfurter Simonetta Vespucci oder dem Washingtoner Giuliano de? Medici, der hier mit dem entsprechenden schwachen Werkstattbild aus Bergamo, aber nicht mit der Werkstattversion aus Berlin zusammengeführt wird, verdichtet sich das Idealbildnis zum tiefsinnigen Charakterstück, dessen Attribute (hier ein Medaillon mit der Bestrafung des Marsyas, dort die einsame Taube) es mythisch-melancholisch verklären. Das schlecht erhaltene Jünglingsbild aus dem Palazzo Pitti zeigt dagegen mit seiner prägnanten Modellierung der Mund- und Augenpartie und der Intensität des abschätzigen Blicks ein Bildkonzept, das auf realistische Spontanwirkung zielt.

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