Kultur + Kunstmarkt
Santiago Sierra: Kunst als „Sand im Getriebe“

Die Kunst-Aktionen des Wahl-Mexikaners Santiago Sierra sind im internationalen Kulturbetrieb geschätzt und gefürchtet zugleich: Wo immer der 38-Jährige auftaucht, wirken seine nur winzigen Eingriffe in soziale Abläufe wie „Sand im Getriebe“.

dpa DÜSSELDORF. Die Kunst-Aktionen des Wahl-Mexikaners Santiago Sierra sind im internationalen Kulturbetrieb geschätzt und gefürchtet zugleich: Wo immer der 38-Jährige auftaucht, wirken seine nur winzigen Eingriffe in soziale Abläufe wie „Sand im Getriebe“.

Jungen Arbeitslosen in Kuba tätowierte er für den „Lohn“ von 30 $ eine horizontale Linie auf ihre Rücken; in Mexiko-Stadt blockierte Sierra mit einem Lastwagen nur fünf Minuten den Straßenverkehr und sorgte damit für ein riesiges Chaos.

Seit 1993 entstandene Fotos und Videos der minimalistischen Kunstaktionen des aus Madrid stammenden Künstlers, der zu den Senkrechtstartern der internationalen Kunstszene gerechnet wird, zeigt bis zum 19. September als einzige deutsche Station das NRW-Forum in Düsseldorf.

Bewusst leiste sich Sierra, der die Bildaufzeichnung als bloße Dokumente seiner Kunst-Aktionen ansieht, „große Verletzungen, die weit über den Konsens der Gesellschaft hinaus gehen“, erklärte am Mittwoch ein Sprecher des Ausstellungshauses in Düsseldorf. So zeigt eines der Großfotos, wie zwei Drogensüchtigen eine Haarschneise in den Hinterkopf rasiert wird: Die Bezahlung bestand in einem „Schuss“ Heroin für jeden.

In Europa wurde Santiago Sierra auch dadurch bekannt, dass er zur Biennale Venedig den Pavillon Spaniens zumauerte, nur Bürgern dieses Landes gegen Pass-Vorlage den Eintritt gestattete und damit das an ungehinderten „globalen“ Kulturgenuss gewöhnte Publikum düpierte. Das Kunsthaus Bregenz belastete Sierra mit 300 Tonnen Beton so nah an der Grenze des statisch erlaubten, dass nur noch höchstens zehn Besucher das Haus betreten durften.

In sparsamen Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentierte der Künstler seine zwischen Konzept-Kunst und Dadaismus angesiedelten Aktionen, die nach Angaben der Ausstellungsorganisatoren „einen neuen Beitrag zur Gegenwartsästhetik“ darstellen. Die bis zu zweistündigen Videos Sierras sollen bei der Düsseldorfer Schau im täglich wechselnden Programm zu sehen sein. Nervenstärke sollte der Besucher mitbringen, denn im Hintergrund ertönt ununterbrochen als Trompetensolo die Todesmusik der Schlacht um El Alamo aus dem Krieg der USA gegen Mexiko: Sierra ließ die Gänsehaut-Melodie im Oktober 2003 für 24 Stunden auf den Straßen New Yorks blasen.

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