Savile Row
Das Londoner Comeback

Eine Institution der Modewelt ist zurück: Weil die junge Businesselite wieder freiwillig zu Anzug und Krawatte greift, erlebt der britische Gentleman-Look ein Comeback und damit auch sein Geburtsort: In der Savile Row werden wieder die Trends für Business-Anzüge gesetzt. Knackiger und taillierter, aber in der Tradition der goldenen Ära.

LONDON. Die Renaissance von Klassik, Werten und Stil kann ganze Straßenviertel wiederbeleben. Weil die junge Businesselite wieder freiwillig zu Anzug und Krawatte greift, erlebt der britische Gentleman-Look ein Comeback und damit auch sein Geburtsort, die Londoner Savile Row. Die kleine Straße im noblen Westend ist die heilige Mitte der Shoppingreviere um die Oxford und Regent Street.

Und doch: die Savile Row ist von den üblichen „Modestraßen“ so weit entfernt wie der Mond vom Buckingham-Palast. Hier wird von Hand nach Maß gefertigt, und zwar ausschließlich. In der übersichtlichen Zahl von Traditionsadressen werden Anzüge, Sakkos, Hosen und Mäntel nach Methoden geschnitten, die sich seit rund 100 Jahren nicht wesentlich verändert haben.

Maßschneiderei und Designerkleidung waren lange Zeit Gegensätze. Das Handwerk lieferte zeitlose Klassik, der Modemacher das passende Outfit zum Zeitgeist. Da der nun aber gerade stark vom Revival alter Werte geprägt ist, nähern sich die einstigen Rivalen plötzlich aneinander an. So präsentierte sich die Savile Row im Februar unter dem Titel „The London Cut“ auf der Herrenmodemesse Pitti Uomo in Florenz. Acht „bespoke tailors“, so der englische Terminus für den Maßschneider, waren angereist, um eine Werkschau aus den vergangenen Jahrzehnten zu präsentieren, darunter auch Anderson & Sheppard, der Schneider des britischen Thronfolgers Prinz Charles.

Die Modedesigner haben auf die Wiedergeburt des klassischen Stils bereits reagiert: Seit einigen Saisons bauen sie verstärkt „sartoriale“ Details in ihre Kreationen ein, was der Konfektion einen Hauch von Schneiderarbeit verleihen soll. Aber das kann denn doch nur ein Anfang sein: hie und da ein bisschen was Handgesticheltes macht noch keinen Maßanzug, sein entscheidender Vorteil liegt im individuellen Schnittmuster. Und eben dafür steht die Savile Row.

Ihre große Zeit war die goldene Ära zwischen den Weltkriegen. Könige, Filmschauspieler, Industrielle, Diplomaten und Staatschefs pilgerten nach London, um sich dort nach Maß einkleiden zu lassen. Das englische Königshaus war weltweites Modevorbild, der damalige Prince of Wales und spätere „Skandal“-Kurzzeitkönig Edward VIII. galt als globaler Trendsetter. Er stand vor allem für innovative Kleidungskombinationen, mit denen er die bis dahin sehr konservative englische Herrenmode auflockerte. So trug er als einer der Ersten braune Raulederschuhe zum Anzug und bevorzugte den Smoking statt des steifen Fracks. Damit stand er für die heutige „klassische“ Herrenmode durchaus Pate.

Hollywoodstars wie Fred Astaire oder Douglas Fairbanks begannen, seinen Stil akribisch zu kopieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein langsamer Niedergang ein, allerdings gab Großbritannien in der männlichen Garderobe weiter den Ton an. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts tat sich jedoch eine wachsende Kluft zwischen der Welt der Maßschneiderei und dem übrigen Modegeschehen auf. Exakte Bügelfalten und dreiteilige Anzüge standen plötzlich gegen zerrissene Jeans mit Schlag und schlabbrige T-Shirts.

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