Schiele-Restitution
Der lange Weg zur Einigung

Für Egon Schieles 1938 von den Nationalsozialisten beschlagnahmte „Häuser am Meer“ einigte sich das Leopold Museum nun endgültig mit allen Erben nach Jenny Steiner. Zur Finanzierung dieses Deals müssen nun aber  Kunstwerke verkauft werden.
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WienEs war nicht die erste Protestaktion, mit der die Israelitische Kultusgemeinde (IKG/Wien) öffentlichkeitswirksam auf ihr Anliegen aufmerksam machte: „Restituieren! Nicht verkaufen“ lautete die Botschaft, die man in den frühen Abendstunden vom 22. Juni 2011 von patrouillierenden Sandwichmen oder Flyern ablesen konnte. Nahezu synchron, in Wien vor dem Leopold Museum sowie in der Londoner Bond Street vor dem Sotheby’s-Headquarter. Davon völlig unbehelligt fand Auktionator Henry Wyndham zeitgleich für 32 von 35 ausgerufenen Positionen der Sparte Impressionist & Modern Art einen neuen Besitzer. Den höchsten Zuschlag hatte er bei 24,7 Millionen Pfund (27,6 Mio. Euro / 40,1 Mio. Dollar) für Egon Schieles „Häuser mit bunter Wäsche“ erteilt:

Verkaufen bringt „Spielgeld“

Ein neuer Weltrekord für den Künstler und der Stein des Anstoßes für die IKG. Denn das Bild stammte aus dem Bestand des Leopold Museums, das über den Verkauf den Kredit zum Deal mit den Erben nach Lea Bondy-Jaray (Bildnis Wally, 19 Mio. Dollar) tilgen und „Spielgeld“ für weitere Einigungen parat haben wollte. Etwa auch für die Causa Jenny Steiner, respektive das Gemälde „Häuser am Meer“, für das man knapp fünf Wochen zuvor einen Etappensieg errungen hatte.

Sonderstatus einer Privatstiftung

1955 hatte Rudolf  Leopold (1925-2010) das bis 1938 in der Sammlung der Wiener Industriellenfamilie Steiner beheimatete, schließlich beschlagnahmte und 1941 im Dorotheum versteigerte Bild „Häuser am Meer“ aus einer Privatsammlung erworben. Wäre das Leopold Museum eine Bundesinstitution, so hätte man (längst) restituieren müssen, als Privatstiftung nützt man seit dem Tod des Museumsgründers die Option entsprechende Arrangements mit Erbengemeinschaften zu verhandeln. So auch in genanntem Fall. Ziemlich genau zehn Jahre nach den ersten Gesprächen mit der Enkelin Jenny Steiners hatte man im Mai 2011 eine Einigung erzielt, die eine (vorläufige) Abgeltung zugunsten der Drittelerbin in der Höhe von fünf Millionen Dollar inkludierte. Damit war die von der IKG namens der beiden anderen Erbengruppen seit mehr als einem Jahrzehnt geforderte Naturalrestitution, also die Rückgabe des Bildes ohnedies vom Tisch. Öffentlich protestiert wurde trotzdem.

Warum in diesem wie in zahlreichen anderen Fällen stets die Naturalrestitution als einzig akzeptable Lösung präsentiert wurde und wird, ist nicht immer nachvollziehbar. Denn Kunstwerke sind nun mal nicht nach einem Erbschlüssel teilbar, deren Erlös sehr wohl. Auch hatten IKG-Vertreter in der Vergangenheit mehrfach selbst betont, dass eine Versteigerung oftmals die beste Entscheidung sei. Dazu profitiert die IKG ohnedies und unabhängig vom Verkauf über die in den Verträgen mit Erben vereinbarten Provisionen. Bei den Verhandlungen in der Causa Steiner habe das wirtschaftliche Interesse an einem guten Ergebnis seitens der Kultusgemeinde natürlich eine Rolle gespielt, wie Diethard Leopold bestätigt. Zwischen zehn und 30 Prozent vom Wert des jeweiligen Kunstwerkes, beziffert der mittlerweile im Stiftungsvorstand aktive Sohn des Sammlers die übliche „Aufwandsentschädigung“.

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Einigung mit allen Erben

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