Schlechtes Timing für schlechte Nachrichten

Kultur + Kunstmarkt
Schlechtes Timing für schlechte Nachrichten

„Mehr Armut, weniger Bildung, umknickende Strommasten, einstürzende Hallendächer und marode Straßen.“ Hier handelt es sich nicht um eine Beschreibung von Simbabwe, sondern gemeint ist Deutschland. „Wunderland ist abgebrannt“ lautet der Buchtitel, und der Untertitel verspricht: „Wie wir noch zu retten sind“.

DÜSSELDORF. Das alles könnte man unter der Rubrik „kuriose“ Bücher ablegen, wenn der Autor nicht Michael Opoczynski hieße und als Chef der ZDF-Sendung „Wiso“ der vielleicht bekannteste Wirtschaftsjournalist Deutschlands wäre. Wenn so jemand mitten im Aufschwung, während sich sogar der Arbeitsmarkt erholt, Deutschland schlechtredet, dann muss etwas faul sein. In Deutschland – oder bei denen, die darüber reden.

Zum Glück ist das Buch nicht so platt wie sein Titel. Opoczynski behandelt einen ganzen Strauß von Themen, von der Globalisierung über die Demografie bis zur Bildung. Er tut das durchaus kenntnisreich, schreibt flüssig und verständlich, liefert sehr viele Zahlen, ist insgesamt in seinem Urteil ausgewogen, nur hin und wieder etwas blauäugig, zum Beispiel, wenn er kirchlichen Pflegeheimen automatisch mehr Menschlichkeit zutraut als kommerziellen Einrichtungen.

An einigen Punkten aber schreibt er das, was alle schreiben, und verpasst so den wesentlichen Punkt. Zum Beispiel, wenn er die „Industriearbeit“ als Auslaufmodell ansieht und den „Dienstleistungen“ gegenüberstellt. Dabei übersieht er die eigentliche Stärke der deutschen Wirtschaft: den Mittelstand, etwa den Maschinenbau mit seinen hochspezialisierten Produkten, der weder in die eine noch in die andere Schublade passt; es gibt eben nicht nur Fließbänder und Bankbüros, Deutschland lebt von Facharbeitern, Technikern und Ingenieuren. Nur ab und zu kommt er zurück auf die Stichworte „abgebrannt“ und „Wunderland“.

Man hat beinahe den Eindruck, der Verlag habe ihm den düsteren Zungenschlag vorgegeben, um das Buch besser verkaufen zu können; freilich ist das Timing ungeschickt, nachdem sich die „Deutschland ist im Eimer“-Stimmung, die lange Zeit ein guter Motor für entsprechend gestrickte Bestseller war, gedreht hat und der Aufschwung eben auch beim Mittelstand angekommen ist.

Der knallige Titel soll vielleicht auch verdecken, dass dem Buch eine klare These eigentlich fehlt – es ist mehr so eine lockere Zustandsbeschreibung der deutschen Wirtschaftsnation. Und „wie wir noch zu retten sind“, erfahren wir auch nicht wirklich. Der Autor empfiehlt, mehr Verantwortung zu übernehmen und Bildung sei wichtig; nun, das haben wir schon mal irgendwo gelesen. Schade eigentlich – mit einem klaren Konzept hätte es ein gutes Buch werden können. So wirkt das Werk ein bisschen wie die Schulbücher, denen Opoczynski vorwirft, ihre Botschaft sei: „Die Wirtschaft bleibt eine düstere Zone.“

Das Buch:

MICHAEL OPOCZYNSKI
Wunderland ist abgebrannt
Droemer, München 2007, 269 Seiten, 16,90 Euro

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