Schröders Erinnerungen
„Versuch und Irrtum“

Gerhard Schröder schreibt als Ex-Kanzler so widersprüchlich, wie er in seinen Zeiten als Politiker regiert hat: Die Lektüre bietet einen teilweise seltsam anmutenden Wechsel zwischen persönlichen Bemerkungen, Weltbetrachtungen und Beurteilungen alter Weggefährten. In seinem neuen Buch versucht er, lange Linien zu zeichnen - es gelingt nicht immer.

BERLIN. Es gibt Bücher, die glaubt man schon in- und auswendig zu kennen, wenn man sie das erste Mal in die Hand nimmt. Und es gibt Bücher, in denen man Neues entdeckt, wenn man sie sich zum zweiten Mal vornimmt. Irgendwie hat Gerhard Schröders das Kunststück fertig gebracht, mit seinen "Entscheidungen" gleich beide Kategorien zu besetzen. Seit einer Woche wird die Öffentlichkeit mit so vielen Teilveröffentlichungen und Reaktionen traktiert, dass der "Urtext" schon abgegrabbelt wirkt. Doch es sind kleine Randbemerkungen und die Konstruktion des Buches, die jeden Vorabdruck schnell vergessen lassen.

Denn was zunächst auffällt, ist der Unterschied zu früheren Kanzler-Büchern. Schröder schreibt als Ex-Kanzler so widersprüchlich, wie er in seinen Zeiten als Politiker regiert hat: Die Lektüre bietet einen teilweise seltsam anmutenden Wechsel zwischen persönlichen Bemerkungen, Weltbetrachtungen und Beurteilungen alter Weggefährten.

Wenn überhaupt ein roter Faden durch das ganze Buch auszumachen ist, dann ist es der Versuch, gegen zwei Negativimages anzuarbeiten. "Schröder, der Nachbesserungskanzler" und "Schröder, der Konzeptlose" sind zwei Themen, die der Ex-Kanzler quer durch das Buch zu widerlegen sucht. Schon auf Seite 28 kommt einer der Kernsätze, die sein Leben erklären sollen: "Alles war Versuch und Irrtum unterworfen." In der Literatur würde man von einem Entwicklungsroman sprechen. Tatsächlich beschreibt sich Schröder als den ewig Suchenden, der bis heute vor allem eines macht: dazulernen. Scheitern, aufstehen, entwerfen, verbessern - ironischerweise wirkt ausgerechnet der Bush-Gegner Schröder mit diesem Verhalten dabei amerikanischer als die meisten anderen deutschen Politiker.

Dabei nutzt der 62-Jährige in dem mit Hilfe seines ehemaligen Regierungssprechers Uwe-Karsten Heye verfassten Buch die unbeschränkte Macht des Autors, der die Zeit nach Belieben ausdehnen oder zusammenschnurren lassen kann. Es kümmert ihn nicht, dass "Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" alles andere als eine akkurate Wiedergabe seiner Karriere ist.

An einer Stelle werden so die acht Jahre des Weges vom Juso-Vorsitzenden zum SPD-Spitzenkandidaten in Niedersachen in einer kurze Passage zusammengefasst. An einer anderen findet der Leser dafür eine relativ präzise Beschreibung etwa jenes 22. Mai 2005, als sich Schröder mit Müntefering über die Konsequenzen der historischen Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen beriet.

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