Sechstagekrieg
Annexion im Siegesrausch

Geschichtsschreibung als erlebte Gegenwart: Der Sechstagekrieg – vom 5. bis 10. Juni 1967 – war eine Wende im israelisch-arabischen Verhältnis. Damals eroberte Israel die Palästinensergebiete. Tom Segev beleuchtet die bis heute schicksalhaften Entscheidungen.

TEL AVIV. Als der israelische Historiker Tom Segev an seinem Buch über das Schicksalsjahr 1967 schrieb, wurde er immer wieder von den Sirenen der Krankenwagen unterbrochen, die zu Terroropfern rasten. Die zweite Intifada setzte den israelisch-palästinensischen Irrgarten des Wahnsinns fort. Gleichzeitig konnte Segev vom Schreibtisch aus beobachten, wie die hässliche Betonmauer Jerusalem in zwei Teile schnitt. Es war für ihn nicht einfach, unter diesen Bedingungen über das Jahr zu schreiben, das all diesen Leiden zu Grunde liegt: „1967 dauert immer noch an; es ist das längste Jahr“, sagt Segev.

Geschichtsschreibung als erlebte Gegenwart: Der Sechstagekrieg – vom 5. bis 10. Juni 1967 – war eine Wende im israelisch-arabischen Verhältnis. Die Krise spitzte sich im Mai 1967 zu, als Ägypten Truppenverbände auf die Sinai-Halbinsel verlegte. Um einem befürchteten Angriff zuvorzukommen, schlug Israel selbst zu. Am 5. Juni vernichteten seine Kampfflugzeuge in wenigen Stunden die ägyptische Luftwaffe am Boden. Israels Truppen eroberten den Sinai und den Gazastreifen, dann die syrischen Golanhöhen. Als Jordanien in den Krieg eingriff, eroberten sie rasch das Westjordanland.

Und genau davor hatte eine Beraterkommission gewarnt, die die israelische Regierung wenige Monate vor dem Sechstagekrieg eingesetzt hatte. Ausgehend von Szenarien wie dem Einmarsch irakischer Truppen in Jordanien oder dem Sturz von dessen König, prüfte die Kommission die Frage, ob eine Eroberung der Westbank im Interesse Israels läge. Die Antwort der Berater – darunter die Chefs des Mossad und des militärischen Geheimdienstes – war eindeutig: Israel könne durch die Besetzung der Westbank nur verlieren. Die Weitsicht, mit der sie die Konsequenzen einer Besatzung auflisteten, ist verblüffend. Israel, mahnten sie, wäre zu Maßnahmen gegen die Palästinenser gezwungen, die für einen Polizeistaat charakteristisch seien. Es könnten sich daraus Rassismus und Unterdrückung entwickeln, die den jüdischen Staat auch international in eine schwierige Lage bringen würden. Wenige Monate vor Kriegsbeginn landeten diese Warnungen auf dem Tisch des damaligen Premiers Levy Eschkol. Und dann tief unten in der Schublade.

Als nämlich das Szenario aktuell wurde, schlug die Regierung die Empfehlungen der Kommission in den Wind. Sie handelte impulsiv und emotional; die Falken setzten sich durch. Fanatiker folgten ihren religiösen Gefühlen und begannen, das eroberte Gebiet zu besiedeln. Kurz nach dem Krieg, Ende August, beschloss die Regierung, die Golanhöhen zu bebauen, und ein halbes Jahr später gab es dort bereits fünf Siedlungen mit 450 Bewohnern. Auch im Westjordanland entstanden jüdische Siedlungen, zunächst südlich von Jerusalem in der Region Gush Ezion. Sechs Monate nach dem Krieg gab es in den besetzten Gebieten bereits zehn Siedlungen mit über 800 Siedlern. Damit gab die Regierung klar zu verstehen, dass sie auf das Land nicht mehr verzichten wolle.

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