Seeler: Ich bin so, wie ich bin
Hinterkopf-Tore

Am Samstag erscheint die Biografie von Uwe Seeler. Mit dem Weekend Journal spricht er über Tugenden auf dem Platz, Jungprofis und Bücher, die er nicht schreibt.

Weekend Journal: Herr Seeler, am Samstag feiert die Bundesliga in Köln im großen Stil ihren 40. Geburtstag. Am gleichen Tag erscheint auch Ihre Biografie „Danke, Fußball“. Besser geht’s nicht, oder?

Seeler: Den klugen Termin haben sich die Verlagsmanager ausgeguckt, ich bin da ganz unschuldig. Trotzdem habe ich gegen den Erscheinungstermin natürlich nichts einzuwenden.

Biografien prominenter Zeitgenossen sind im Trend – auch bei Fußballern wie zum Beispiel Stefan Effenberg. Was hat Sie selbst veranlasst, in Ihren Erinnerungen zu schwelgen?

Für mich war klar, entweder schreibe ich sie jetzt oder überhaupt nicht mehr. In zwei oder drei Jahren hätte ich dazu sicher keine Lust mehr gehabt. Der Titel des Buches bringt mein Anliegen auf den Punkt: Ich wollte einfach einmal klarstellen, wem ich meine Erfolge zu verdanken habe, nämlich dem Fußball. Diesem wunderschönen Sport bin ich für alles dankbar.

Die Tugenden wie Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Kameradschaft, Vereinstreue, Solidarität und Familiensinn, die in Ihrem Buch hochgehalten werden, lassen heute kickende Jungprofis wahrscheinlich nur schmunzeln. Wollen Sie gegen den Werteverfall anschreiben?

Dass es einen Werteverfall in unserer Gesellschaft gibt, ist meiner Meinung nach unbestritten. Egoismus anstatt Teamgeist gibt es heute nicht nur auf dem Fußballplatz zu beobachten. Viele Zeitgenossen sollten sich mal fragen: Kenne ich überhaupt meinen Nachbarn? Um die wirklichen Werte auszugraben, brauchen wir einen ganz langen Spaten. Aber es lohnt sich zu graben. Einigen Jungprofis empfehle ich mehr Bescheidenheit und dass sie sich mehr auf den Fußball konzentrieren als auf die bunten Blätter.

In Biografien wie denen von Dieter Bohlen oder Stefan Effenberg stehen Klatsch, Sex und persönliche Abrechnungen im Mittelpunkt. In Ihrem Buch findet der Leser nichts von „Uns-Uwe“-Eskapaden. Haben Sie keine Angst, Ihr Publikum zu langweilen?

Keineswegs. Ich bin so, wie ich bin. Meine Leser werden das akzeptieren. Außerdem bin ich kein Mensch, der in seiner Biografie offene Rechnungen begleichen muss. Das ist nicht mein Thema. Wenn ich nur Bücher schreiben könnte wie Bohlen und Effenberg, würde ich lieber keines schreiben.

Sie waren nie Weltmeister, nie Europameister. Die ganz großen Erfolge fehlen in Ihrer Vita. Trotzdem sind Sie ein weltweit bekannter Sportler. Was macht Sie für die Menschen so „unsterblich“?

Bei aller Liebe für Titel: Mein Fußballer-Leben würde ich schon als erfolgreich bezeichnen. Ich habe an vier Weltmeisterschaften teilgenommen, 1966 wurde ich Vize-Weltmeister – das haben nur wenige Spieler geschafft. Und die Tugenden, an denen ich mich ein Leben lang orientiert habe, sind offenbar bei vielen Menschen auf der ganzen Welt populär. Natürlich hat auch meine Art, Fußball zu spielen, den Leuten gefallen.

Es gab nicht nur glorreiche Momente im Leben des großen Sportsmannes Uwe Seeler. Ihre Ära als Präsident des Hamburger Sportvereins stand unter keinem guten Stern.

Ich weiß, aber so negativ sehe ich das Ganze nicht mehr. Auch wenn es eine nicht einfache Zeit für mich war, glaube ich doch, meinem HSV geholfen zu haben. Schwamm drüber: Im Leben läuft halt nicht alles nach Plan.

Beinahe wären Sie dem HSV abhanden gekommen. Inter Mailand machte Ihnen 1961 ein Millionenangebot. Heutige Profis hätten nach solch einer Offerte sofort die Koffer gepackt. Bereuen Sie es, nicht das Trikot getauscht zu haben?

Klares Nein, aber ganz leicht gefallen ist mir das alles nicht. Wenn ich daran denke, ich hätte nur die neun Buchstaben meines Namens unter den Vertrag gesetzt und wäre dann mit 25 Jahren ein gemachter Mann gewesen. Als Fußballprofi bekam ich in den 60er-Jahren in Deutschland rund 1 500 Mark brutto im Monat. Das reichte kaum für die Miete.

Was haben Sie vom Fußballplatz ins zivile Berufsleben hinübergerettet?

Kämpfen und nie aufgeben. Das war meine Devise auf dem Fußballplatz und später im Beruf als Adidas-Repräsentant. Es läuft nicht immer alles von selbst – in solchen schlechten Zeiten hat es keinen Zweck, mit Schlappohren herumzulaufen. Dann heißt es: Ärmel hochkrempeln.

Mit Schlappohren hat Sie niemand auf dem Fußballplatz spielen sehen. Vielmehr wurden Ihre akrobatischen Künste von den Zuschauern bewundert. Wann haben Sie zuletzt einen Fallrückzieher gemacht?

Das ist schon ziemlich lange her. Bei einem Prominentenspiel habe ich mich vor Jahren heftig verletzt. Danach war Schluss mit Fußball, denn ich wollte gerade durchs Leben gehen und nicht an einem Stock.

Das Gespräch führte Dieter Hintermeier.

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