Sein Atelier bekommt außer Uecker sonst niemand zu Gesicht
Günther Uecker: Kunst als Nagelprobe

Berlin, wo Günther Uecker als Hausbesetzer lebte, ehrt den Wanderer zwischen zwei Welten mit drei Ausstellungen.

Er nennt es sein Spielzimmer: „Hier kann ich alles liegen lassen.“ Günther Uecker breitet die Arme aus in dem 1 500 Quadratmeter-Atelier im Düsseldorfer Hafen mit Blick auf den Rhein: „Das ist mein intimster Raum, hier kommt keiner rein. Aber jetzt mach’ ich eine Ausnahme, diese Ausstellung ist mir so wichtig.“

Diese Ausstellung, das sind eigentlich zwei, sogar drei – jedoch nicht am Ort seines Schaffens, in Düsseldorf. Die sich rundherum türmenden Bilderstapel tragen Adressaufkleber mit großen Lettern: BERLIN. Auf deutlich weniger Zetteln ist zu lesen: bleibt hier. Dazwischen Fotostapel mit Aufschriften wie Mauritius ’95, Sarajewo ’98, Edinburgh, Japan, Mexico, Arizona. Hier stapelt sich ein Künstlerleben.

Inmitten des Raumes ruht das Rund eines Riesentisches. „3,20 Meter Durchmesser, das entspricht der Raumhöhe“, erklärt der Hausherr. An diesem Morgen erzählt die Fläche des Tisches eine eigene Geschichte: Ein kleines Gefäß aus Meißner Porzellan, ein verblassendes Polaroid-Foto, ein morbid vertrocknetes Blumen-Arrangement, zwei angelaufene silberne Kerzenleuchter, eine Flasche Rotwein . . .

Im Raum verteilt, meist vor den großen Fenstern stehen neun grazile Stühle mit Armlehnen, die Uecker in einem chinesischen Kloster gefunden und bearbeitet hat. Der Mann ist offensichtlich nicht nur innerlich vom Zen-Buddhismus geprägt. Im Alter – Uecker feiert am 13. März seinen 75. Geburtstag – sieht sein Kugelkopf auf der gedrungenen Figur beinahe aus wie der eines Buddhas.

Allerdings eines sehr lebendigen und beweglichen. Seine wie gekalkt wirkende weiße Kleidung aus Sweatshirt, Latzhose und Turnschuhen lässt ihm die Bewegungsfreiheit, sich wie ein Derwisch zu drehen, wenn er die Rituale der Sufis erklärt. Die verarbeitet er ebenso in seinen Werken wie religiöse Texte: arabische aus dem Koran, hebräische aus der Thora, lateinische aus der Bibel. Das sind Ueckers „Friedensgebote“, Zeichen, Schriftzeichen, Latex mit weißen Pigmenten auf Leinwand, vier mal fünf Meter groß.

Was er beim Umgang damit empfand: „Die Schönheit des Mitgefühls beim Schreiben.“ Religion übersetzt Uecker wörtlich mit Rückfindung. Vielleicht auch einer eigenen, geprägt von der Erfahrung: „Juden und Araber haben einen größeren Respekt vor ihren heiligen Schriften als die Christen.“

Andere Leinwände sind wie Verbände um zersplitterte und vernagelte Holzpfähle gewickelt, die Farbe – diesmal Schwarz – ist mit bloßen Händen aufgetragen, wie der Versuch einer Wundversorgung. Es sind Ueckers „Schmerzensstelen“. Sie stehen auch für seine Überzeugung: „In Chiffren seine Herkunft zu erkennen, in Dialog treten und damit vielleicht das Unfassbare und Bedrohliche überwinden. Das ist es doch, was Kunst heute noch leisten kann.“

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