Shootingstar der russischen Literaturszene
Auf und Ab in der Achterbahn

Russische Literaten betrachten das Leben schonungslos. Irina Denezkina ist ihr jüngster Shootingstar

Man kann es Irina Denezkina an der Nasenspitze ansehen, dass sie bei dem wunderbaren Spätsommer-Sonnenschein lieber Berlin unsicher machen möchte. Shoppen statt Fragen beantworten. Lässig im bauchfreien Top, dabei etwas gelangweilt, hockt die 22-jährige Autorin während des Interviews in einem Berliner Hotel zwischen Dolmetscherin und Verlagsvertreterin, die ein bisschen wie zwei Anstandsdamen wirken. Noch bevor ihr Erzählband „Komm“ im deutschen Buchhandel erschien, hatte die junge Popliteratin ihren Stempel weg: Sie gilt als Shootingstar der russischen Literaturszene und als Schönheit, die ebenso gut als Model Karriere machen könnte.

Der Vorschusslorbeer scheint die selbstbewusste Autorin nicht zu verunsichern. Der PR-Zirkus lässt sie kalt. Immerhin habe sie ja schon als Vierjährige Bücher schreiben wollen. Jetzt findet sie es ganz nett, dass ihre Erzählungen in viele Sprachen übersetzt werden. Ihre Freunde, von denen einige in den zehn Erzählungen beschrieben werden, schätzen den literarischen Erfolg von der praktischen Seite. „Sie haben mich gebeten, ihnen etwas Schönes mitzubringen“. Denezkinas kühle Ausstrahlung kontrastiert mit der Intensität ihrer Geschichten über den Alltag in St. Petersburg.

Vieles ist autobiografisch, die Freundin etwa, die in der Titelgeschichte so liebevoll-lästernd als Pottfischchen bezeichnet wird, ist wirklich ihre Busenfreundin. Gerade deshalb sind die besten der schnörkellosen Erzählungen eindrucksvoll. „Es gibt den wahren Teil und das, was gewesen wäre“, erzählt sie. Jung zu sein wie ihre Figuren Ljapa, Andrej oder Mascha heißt, sich auf eine endlose Fahrt mit der Achterbahn zu begeben. Die jungen Leute probieren sich aus, stolpern von einem sexuellen Abenteuer ins nächste und betrinken sich ausgiebig. Wenn sie sich verlieben, liest sich das manchmal wundersam poetisch: „Er trieb entlang meines mit Muscheln bedeckten Ufers, streckte mir seine Hand entgegen, und da begriff ich. Den da, den will ich. Den liebe ich, ich kann nicht anders.“

Geboren ist das Erzähltalent in Jekaterinenburg, einer großen Industriestadt im Ural. Denezkina gehört zu der neuen Generation von Autoren, die kaum Blessuren aus der postkommunistischen Zeit davongetragen hat, eine Generation, die ihre Möglichkeiten realistisch und unsentimental einschätzt. Ihre Eltern waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwar arbeitslos, „doch jetzt verdient meine Mutter viel mehr als vorher“. Lachend erinnert sich Denezkina daran, dass sie als Kind traurig war, nicht mehr zu den jungen Pionieren gehört zu haben, weil „ich mich so sehr auf das rote Halstuch gefreut habe“.

In Russland waren ihre Erzählungen als erfolgreichstes Debüt des Jahres 2002 für den Nationalen Bestseller-Preis nominiert. Auf der Frankfurter Buchmesse wird die Autorin als eine der jüngsten Vertreterinnen der vielfältigen russischen Literaturszene auftreten. Irina Denezkina sieht diese Konkurrenz eher gelassen. Noch studiert sie Journalismus in St. Petersburg und betreibt ihre Ausflüge ins Literarische bislang eher als Hobby.

Manche Geschichten haben einen Drang ins Extreme. In „Wasja“ wird ein Junge ständig verprügelt, weil er immer am falschen Ort ist. Die Autorin tut diese Kritik mit einem Achselzucken ab. Sie sieht gerade in dieser Geschichte ein Beispiel für ihren skurrilen Humor. Trotzig weisen ihre Geschichten auf die 13- bis 20-Jährigen hin, die im Wirrwarr von junger russischer Demokratie, neuen Chancen, unerreichbarem Konsum und schwierigem familiären Umfeld ihre eigenen Erfahrungen machen wollen. Anders als viele andere russische Schriftsteller, die sich mit ihren Texten im Gegensatz zum Westen positionieren, sieht sie zwischen den Kulturen viele Gemeinsamkeiten.

Denezkinas schnelles Karussell aus Sex, Alkohol und Musik kann aber auch ermüdend werden. Ihre Stärke ist ein ganz anderer Zug, der sehr anrührend wirkt. Es gibt nicht den kalten Ton der Leere und der Ichbezogenheit, der häufig die Storys junger deutscher Autoren dominiert. In „Ljocha-Rottweiler“ wird die 13-jährige Ljudka von einem Skinhead und seinen Rottweiler vor dem tödlichen Sprung aus dem Hochhaus bewahrt. Danach sucht sie Engelsflügel auf dem Rücken ihres Retters. Und wir Leser nach mehr solchen leisen Geschichten.

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