Shortlist Wirtschaftsbuchpreis
Was passiert, wenn der Verstand aussetzt

Nichts scheint den menschlichen Verstand so sehr zu beeinträchtigen wie großen Zahlen mit vielen Nullen dran. Christian Elger und Friedhelm Schwarz haben in ihrem Buch "Neurofinance" versucht zu klären, warum das so ist und warum Anleger immer wieder die gleichen Fehler machen.

FRANKFURT. Der österreichische Kabarettist Karl Farkas (1898-1971) hat einmal gesagt: "Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen". Jahrzehnte ist das her - und doch ist der Ausspruch so wahr wie damals. Die Psyche der Investoren bestimmt das Geschehen an den Börsen weit mehr als schnöde Unternehmenszahlen oder zackige Kurscharts, deren Verläufe Experten zu deuten versuchen.

Die vergangenen Monate sind Beleg dafür, wie stark Gier, Angst und Vertrauen die Finanzmärkte beeinflussen. Warum beispielsweise konnte der geschätzte, ja fast schon verehrte Vermögensverwalter Bernhard "Bernie" Madoff seine Kunden viele Jahre um so viele Milliarden Dollar betrügen, ohne dass die Opfer Verdacht schöpften? Wie ist es möglich, dass Tausende Anleger sich überteuerte und riskante Finanzprodukte aufschwatzen lassen?

Christian Elger und Friedhelm Schwarz haben in ihrem Buch "Neurofinance" (Rudolf Haufe Verlag) versucht zu klären, warum der Verstand so oft aussetzt, wenn es ums - große wie ums kleine - Geld geht, und warum Anleger meist die gleichen Fehler immer wieder machen. Dabei kommen sie zu einem überraschenden Ergebnis: Haben Anlageexperten bislang dazu geraten, bei Geldangelegenheiten möglichst kühlen Kopf zu bewahren, empfehlen Elger und Schwarz genau das Gegenteil. Der Versuch, sich rational zu verhalten, sei von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sich Gefühle wie Furcht beispielsweise nicht so einfach abschalten lassen. Das hänge damit zusammen, dass der Mensch sich seiner Gefühle meist gar nicht bewusst ist. Die Autoren raten deshalb Anlegern, ihre Emotionen, so sie denn erkannt werden, in ihre Überlegungen einzubeziehen.

Der Titel des Buchs ist gleichzeitig der Name einer noch jungen wissenschaftlichen Disziplin. Ganz vereinfacht ausgedrückt, versucht die "Neurofinance" herauszufinden, was den Menschen durch den Kopf geht beziehungsweise welche Bereiche des Gehirns arbeiten, wenn es sich gerade mit Geldangelegenheiten beschäftigt. Obwohl die Wissenschaft in den vergangenen Jahren bei der Forschung zum Teil deutliche Fortschritte gemacht hat, ähnelt das menschliche Hirn noch immer einer Black Box.

Elger und Schwarz schaffen es, zumindest etwas Licht in das Dunkel zu bringen. "Neurofinance" ist klar strukturiert und gefüllt mit interessanten Beispielen und Börsenanekdoten. Wussten sie beispielsweise, dass das Gehirn heftiger auf Bargeld reagiert als auf Sex?

Allerdings übertreiben es die Autoren an manchen Stellen mit den Details. So fragt sich der Leser, was Mietnomaden oder die Anfänge der Börse in Brügge (15. Jahrhundert) im engeren Sinne mit dem Thema zu tun haben. Der rote Faden geht deswegen ab und an verloren. Etwas verwirrend sind auch die vielen eingeklinkten Börsenweisheiten, die - mal mehr, mal weniger passend - den Lesefluss unterbrechen.

Ihr Versprechen, möglichst leicht verständlich zu sein, aber halten Elger und Schwarz ein.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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