Skandal-Essay über das Debakel im Irak
Strippenzieher und dunkle Mächte

Für John Mearsheimer und Stephen Walt steht der Schuldige am Debakel des Krieges im Irak fest: die Israel-Lobby. Schließlich seien es nicht zuletzt jüdische Interessensgruppen gewesen, die Amerika zum Irak-Krieg überredet hätten. Ein Irak ohne Saddam Hussein, das muss ja primär im Interesse Jerusalems sein.

DÜSSELDORF. Nachdem ihr Essay „The Israel Lobby“ enormes Aufsehen erregt hat, erschien am gestrigen Dienstag weltweit das gleichnamige Buch im Campus-Verlag. Im Nahen Osten sei eine eigenständige US-Außenpolitik ohnehin kaum möglich, behaupten die beiden Professoren für internationale Beziehungen aus Chicago und Harvard. Die allmächtige Israel-Lobby sorge dafür, dass die Vereinigten Staaten in Nibelungentreue fest an der Seite des jüdischen Staates stehen und diesen mit Waffen und Geld alimentieren – auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler und zum Schaden für Washingtons Ansehen in der islamischen Welt. Der 42 Seiten umfassende Essay, den Mearsheimer und Walt im März 2006 im London Review of Books veröffentlichten und zeitgleich auf die Internetseite der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard stellten, wurde in den ersten drei Monaten schon 275 000-mal heruntergeladen. Wohl seit Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (1993) hat in den USA kein anderer Aufsatz derartige Aufregung und wütende Proteste erzeugt: Walts Harvard-Kollege und Juraprofessor Alan Dershowitz sprach von einem antisemitischen Machwerk in der Tradition der „Protokolle der Weisen von Zion“, einer Hetzschrift des späten 19. Jahrhunderts, die sich als Dokument einer jüdischen Weltverschwörung ausgibt: „In seiner Essenz ist das Arbeitspapier eine Zusammenfassung von alten, falschen und nachweislich widerlegten Vorwürfen, die nun im akademischen Gewande daherkommen.” Die Tatsache, dass Ku-Klux-Klan-Boss David Duke, die PLO und radikale Islamisten den Aufsatz sofort mit Begeisterung aufnahmen, scheinen Dershowitz recht zu geben. Die Universität Harvard bestand auch darauf, dass ihr Logo von dem Papier wieder verschwindet.

Doch wer ist für Walt und Mearsheimer eigentlich die vielzitierte und allmächtige Israel-Lobby? „Die Lobby ist ein lockerer Verbund von Individuen und Organisationen, die aktiv darauf hinarbeiten, dass sich die US-amerikanische Außenpolitik in eine proisraelische Richtung bewegt”, schreiben die Autoren. Genannt werden AIPAC (American Israel Public Affairs Committee), die Anti-Defamation-League und zahlreiche Denkfabriken. Dazu gehören ihrer Ansicht nach außerdem viele Medien, allen voran das Wall Street Journal und die New York Times.

Spätestens da kann man hellhörig werden, zählt doch die New York Times zu den lautesten Kritikern der israelischen Regierungspolitik. Und so zeichnen die beiden Professoren munter das Bild eines Kraken, dessen Tentakel, angefangen vom Kongress bis hin zu den Elite-Universitäten und der Außenpolitik, alles im Griff haben. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen. Eine detaillierte Analyse der Arbeitsweisen dieser proisraelischen Netzwerke gibt es nicht, dafür aber jede Menge Anekdoten und faktische Fehler zuhauf.

Und wie „mächtig“ die Israel-Lobby tatsächlich ist, konnte man exemplarisch wunderbar 1987 beobachten, als die USA Druck auf Jerusalem ausübten, das israelische Lavi-Kampfflugzeug-Programm einzustellen, weil Washington keine Konkurrenz auf dem Waffenmarkt haben wollte. Auch verkaufen trotz Protesten die USA regelmäßig militärisches Gerät an Länder, die Israel gegenüber feindlich eingestellt sind, allen voran Saudi-Arabien. Aber das sind nur Feinheiten. „Die Israel-Lobby“ wird sicher auch in Deutschland ein Publikum finden, das sich durch Fakten nicht irritieren lassen möchte, sondern lieber auf Verschwörungstheorien setzt.

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