Skurile Kunst
Ausstellung: Surreales für Hals und Hand

Die Künstlerin Meret Oppenheim ist mit der pelzüberzogenen Tasse weltberühmt geworden. Ihre Möbel, Mode und Schmuck sind dagegen kaum bekannt. Zwei Ausstellungen in Hamburg laden zu Entdeckungen ein.

Ihre knabenhafte Schönheit und ihr freier poetischer Geist machten sie zur Ikone des Surrealismus. Man Ray lichtete sie als spektakulär-erotischen, in die Kunstgeschichte eingegangenen Akt an einer Druckerpresse ab. Ihr erstes Werk – eine mit Pelz überzogene Teetasse – wurde noch während ihrer ersten, nur wenige Tage dauernden Ausstellung im Jahr 1936 in Paris vom Museum of Modern Art angekauft.

Am 6. Oktober wäre die Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim 90 Jahre alt geworden. In Hamburg ist ihr aus diesem Anlass eine Doppelausstellung gewidmet, die ihr vielgestaltiges Werk aus Gedichten, Zeichnungen, Bildern, Objekten, Möbeln, Kleider- und Schmuckentwürfen in einen neuen Gesamtzusammenhang stellt. Über den Ruhm ihrer „Pelztasse“ war nicht nur die Persönlichkeit der Künstlerin zeitweise in den Hintergrund gerückt, er versperrte auch den offenen Blick auf ihre anderen Betätigungsfelder. Nun also hat der Besucher im Museum für Kunst und Gewerbe und der Galerie Levy die Möglichkeit, sich mit ihrem Œuvre umfassend auseinanderzusetzen.

Das ist auch ein Wiedersehen mit ihren bekannteren Objekten: dem „Tisch mit Vogelfüßen“, in dessen oval vergoldeter Bronzeplatte sich Krallenabdrücke vertieft haben, als seien Vögel darauf herumgehüpft, oder jenen Handschuhen, die Oppenheim mit einem Adergeflecht versah, als seien sie nackte Hände, eine Edition von 1985 für die Schweizer Kunstzeitschrift „Parkett“.

Die museale Präsentation der mehr als Hundert Objekte hat einen berufenen Kurator: den Galeristen Thomas Levy und früheren Freund der Künstlerin aus der Zeit ihrer Lehrtätigkeit an der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Levy realisierte jetzt einen lang gehegten Wunsch. Bereits 1983, zwei Jahre vor dem Tod der Künstlerin, hatte er mit ihr die Umsetzung einiger ihrer gezeichneten Entwürfe geplant. Zwanzig Jahre behinderte eine uneinige Erbengemeinschaft das Vorhaben. Nach der Neuordnung der Hinterlassenschaft gab es nun die Genehmigung.

Postum sind für die Ausstellung ein Halsband mit Knöchlein und ein die Gurgel umschlingendes Paar beschuhter Beine, eine 1936 entworfene Pelz-Sandalette über Zehen mit rot lackierten Nägeln angefertigt worden. Eine „Robe de Diner“, ein hautfarbenes Kleid, das mit Papptellern und Besteck für sieben Personen als Applikationen „gedeckt“ ist, wirkt wie die entschärfte Version der Performance „Frühlingsfest“. Dazu hatte Meret Oppenheim eine Hand voll Freunde in Bern im Jahr 1959 eingeladen, um sie von ihrem nackten Körper tafeln zu lassen. Diese neu hergestellten Objekte sind von großem Reiz, so wie sie Eros und surreale Phantasien zusammenführen.

„Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen“, ist einer der vielzitierten Sätze von Meret Oppenheim. Das war kein Bonmot. Die Künstlerin hat sich zeitlebens viele Freiheiten genommen, sowohl privat wie auch in ihrem Werk. Wie ihr langjähriger Freund, der Künstler Daniel Spoerri, sagt, „mit einer großen Souveränität, nicht mit dem männerfeindlichen Beharren des späteren Feminismus“.

Anhand der zahlreichen, teils kleinformatigen Originale und Modelle kann der Ausstellungsbesucher nachvollziehen, wie viele unterschiedliche Wege die Künstlerin verfolgt und sich nie auf einen Stil festgelegt hat. Vielmehr hat sie in der Verschmelzung von bildnerischen Mitteln, von Poesie und Alltagsobjekten zu einer ironisch verfremdeten, teilweise auch ganz zarten wundersamen Ausdrucksweise gefunden. Und manchmal leben ihre Arbeiten auf Papier von starken Kontrasten: märchen- und riesenhaft erscheint eine Waldfrau einem winzig kleinen Mädchen zwischen Bäumen, verführerisch und schillernd, wäre da nicht der Drachenschwanz, der unter dem Zaubergewand hervorlugt.

Aus bunt emaillierten Dreiecken und Rhomben geformt ist das Porträt des „Dichters“ von 1966. Dieses Schmuckstück an dünnen Goldketten aus Museumsbesitz würde man zu gerne um den eigenen Hals legen.Auf einer Röntgenaufnahme durchleuchtet sich Meret Oppenheim mit Ohrringen und Ringen an der Hand – lange bevor andere Künstler und Künstlerinnen mit X-Rays experimentierten.

Parallel zur Museumsschau breitet Thomas Levy über vier Galerie-Etagen das künstlerische Panorama der eigensinnigen Künstlerin aus: Texte und Gedichte, Mode und angewandte Kunst, Fotos und Erinnerungen, Arbeiten von Freunden wie Dora Maar, Man Ray und Daniel Spoerri. An der Übernahme der zweiteiligen „Kunst- und Wunderkammer“ zeigen bereits Museen in Wien, Paris und Bern Interesse.

Quelle: Handelsblatt

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