„Sleeping with the enemy“
Biographie stellt Coco Chanel als Nazi-Spionin dar

Ein Buch kratzt an der glanzvollen Fassade von Modelegende Coco Chanel. Der französischen Stil-Ikone wird Antisemitismus und Kollaboration mit dem Dritten Reich vorgeworfen - bis in höchste Nazi-Kreise.
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New YorkDie legendäre französische Modemacherin Coco Chanel soll während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg für die Nazis spioniert haben. Chanel sei 1940 im Alter von 57 Jahren vom deutschen Geheimdienst rekrutiert worden, schreibt der US-Journalist Hal Vaughan in einer neuen Biographie über die „Königin“ der Mode. Außerdem habe die Französin eine Liebesaffäre mit einem hochrangigen deutschen Nazi-Spion gehabt.

Die Biographie „Sleeping with the enemy, Coco Chanel's secret war“ (in etwa: Mit dem Feind im Bett. Coco Chanels geheimer Krieg) des in Frankreich lebenden Journalisten kam am Dienstag in den USA heraus. Vaughan beruft sich dabei auf Dokumente aus Archiven in Frankreich, Großbritannien, den USA und Deutschland. Die Gründerin des Modehauses Chanel hatte bis zu ihrem Tod 1971 Mutmaßungen über eine mögliche Kollaboration mit den Nazis stets zurückgewiesen.

Coco Chanel hatte sich in jungen Jahren vom Waisenkind zu einer Ikone der Modewelt hochgearbeitet. Vaughans Recherchen zufolge führte die 1883 geborene Chanel ein Doppelleben: Sie sei 1940 von der deutschen Abwehr angeworben worden, dem Geheimdienst der Wehrmacht. Als Agentin F-7124 habe sie unter dem Codenamen Westminster fungiert, in Anlehnung an ihren früheren Geliebten, den Herzog von Westminster.

Für die Abwehr sei Chanel 1941 gemeinsam mit einem anderen Agenten, dem Baron Louis de Vaufreland, nach Spanien gereist. Vaufreland sei mit der Rekrutierung von Spionen beauftragt gewesen. Das Ziel der Modeschöpferin sei gewesen, im Gegenzug ihren in einem NS-Lager inhaftierten Neffen André freizubekommen, schreibt Vaughan. 1944 sei Chanel noch einmal nach Madrid gereist und habe dort eine große Geldsumme von einem Gestapo-Offizier erhalten.

Chanel hatte zur damaligen Zeit eine Affäre mit einem deutschen Offizier, dem Baron Hans Günther von Dincklage, genannt „Spatz“. Vaughan zufolge war der Baron selbst ein „Meisterspion der Nazis“. Er habe einen Agentenring im Mittelmeerraum und in Paris geführt und seine Informationen direkt an NS-Propagandaminister Joseph Goebbels weitergeleitet, die rechte Hand Adolf Hitlers.

„Spatz“ habe Chanel mit Vaufreland bekannt gemacht und es der Designerin ermöglicht, während der Besatzung in der siebten Etage des Pariser Nobelhotels Ritz zu residieren, in dem auch Goebbels und Hermann Göring häufig zu Gast waren. Der deutsche Agent habe während einer Reise nach Berlin Hitler und Goebbels persönlich getroffen, heißt es in dem Buch.

Dem Biographen zufolge versuchte Chanel über ihre engen Kontakte zu den deutschen Besatzern, die Kontrolle über das Parfum Chanel zu bekommen, an dem sie lediglich einen kleinen Anteil hielt - der Großteil war im Besitz der Brüder Wertheimer. Die Modeschöpferin sei auch eine überzeugte Antisemitin gewesen.

Nach der Befreiung Frankreichs von der Nazi-Herrschaft 1944 wurde Chanel festgenommen, kam aber laut Vaughan nach wenigen Stunden durch die Hilfe eines Freundes frei: des britischen Premierministers Winston Churchill. Nach dem Krieg zog Chanel für einige Jahre in die Schweiz, kehrte aber nach Paris zurück und setzte ihre Modekarriere fort.

 

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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