Soziologe Wolf Lepenies
Friedenpreis geht an den Vertreter des „intellektuellen Anstands“

Der Name des Berliner Soziologen Wolf Lepenies steht für "intellektuellen Anstand". Dafür hat er am Sonntag im Rahmen der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, eine der renommiertesten Auszeichnungen der Bundesrepublik. Eines von Lepenies' Themen ist der Islam.

HB FRANKFURT. Bis 2001 war der heute 65-Jährige Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin und engagierte sich in dieser Zeit vor allem für einen kulturellen Austausch mit den Ländern Osteuropas. Seitdem arbeitet Lepenies, der auch eine Professur an der Freien Universität Berlin hat, als Publizist.

"Er hat den "handelnden Intellektuellen' in der Geschichte gesucht und ihn als einen Typus beschrieben, der für das Gemeinwohl einsteht", begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Wahl Lepenies'. Die Jury ehre "den wissenschaftlichen Schriftsteller, den anschaulich schreibenden Biografen, den stilsicheren Essayisten". Zwischen den in Kunst und Wissenschaft verbreiteten Haltungen von Enthusiasmus und Skepsis habe sich der Preisträger für eine dritte Haltung entschieden: den intellektuellen Anstand, wie er ihn bei Denis Diderot vorgebildet sehe.

In den 15 Jahren Rektorat von Lepenies sei das Berliner Wissenschaftskolleg "zu dem vielleicht anregendsten und freiesten Ort Europas, zu einer Begegnungsstätte von westlicher Rationalität und östlicher Weisheit, von Kunst und Wissenschaft, zu einer Heimstätte für moderne Musik und Literatur" geworden. Auch im Ausland habe er Völker und Kulturen "im friedlichen Gespräch zusammengeführt" und "dem Frieden unter den Völkern einen Wurzelgrund gegeben".

Lepenies, der verheiratet ist und drei Kinder hat, wurde am 11. Januar 1941 in dem zu Allenstein (Olsztyn) gehörenden ostpreußischen Deuthen geboren. 1967 schloss er sein Studium der Soziologie in Münster mit der Dissertation "Melancholie und Gesellschaft" ab, die zwei Jahre später als Buch erschien. 1971 habilitierte er an der Berliner Freien Universität.

Thema Islam

Nach Auslandsaufenthalten in Paris und als Mitglied der School of Science des renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, wurde Lepenies 1986 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. In seiner Amtszeit bis 2001 initiierte er unter anderem ein breit angelegtes Forschungsprogramm zum Thema Islam und intensivierte den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch vor allem mit den osteuropäischen Nachbarn durch die Einrichtung von Wissenschaftszentren. 1994 hielt er in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf den Friedenspreisträger Jorge Semprún.

Zu den wichtigsten Publikationen von Lepenies zählen "Melancholie und Gesellschaft" (1969), "Das Ende der Naturgeschichte" (1976), "Die drei Kulturen" (1985), "Autoren und Wissenschaftler im achtzehnten Jahrhundert" (1988), "Gefährliche Wahlverwandtschaften" (1989), "Folgen einer unerhörten Begebenheit. Die Deutschen nach der Vereinigung" (1992), "Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa" (1992), "Saint-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne" (1997), sowie "Benimm und Erkenntnis (1997). Sein neuestes Buch "Kultur und Politik. Deutsche Geschichten" über das prekäre Verhältnis von Politik und Kultur zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ist im Juli 2006 erschienen.

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