Spiegel der Herrscherwürde
Ausstellung: Das Kapital der Himmelssöhne

Eine faszinierende Berliner Ausstellung feiert die Zeitlosigkeit der chinesischen Kunst. Die 400 Spitzenstücke kommen aus den kaiserlichen Sammlungen im Palastmuseum Taipeh.

Es ist eine Sommerausstellung, die Lust macht. Lust, sich intensiv auf chinesische Kunst aus fünf Jahrtausenden einzulassen. Lust, die älteste Kultur der Menschheit in zum Teil atemberaubenden Kunstwerken zu erleben. Aus 650 000 Objekten, die das Nationale Palastmuseum Taipeh besitzt, wurden 400 Glanzstücke der Kunstsammlung des chinesischen Kaiserhofes ausgewählt, die die Einheit in der Vielfalt einer traditionsgeprägten Kunstproduktion aufdecken. Die Schau im Alten Museum in Berlin, deren Versicherungswert bei über 200 Mill. Euro liegt, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bonner Bundeskunsthalle und der Staatlichen Museen zu Berlin.

Das 1965 erbaute Palastmuseum beherbergt die Schätze, die General Chiang Kai-shek 1948 nach fünfzehnjähriger Auslagerung in Höhlen und Bergstollen nach Taiwan transportiert hatte – zum Glück, muss man sagen, denn Maos seit 1966 auf dem Festland wütende Kulturrevolution hätte nach der Dezimierung der Sammlung durch den letzten Kaiser auch zur Zerstörung vieler dieser kaiserlichen Schätze geführt.

Die Ausstellung beginnt mit frühgeschichtlichen Stücken aus Jade. Es sind Schmuckstücke und Kultgegenstände, die bei Opferritualen des Ahnenkults getragen wurden, als Schwertschmuck dienten oder als markant geschnitzte Kleideranhänger das männliche Prinzip Yang (Drache) und das weibliche Prinzip Yin (Phönix) verkörpern. Diese Objekte sind die ersten Zeugnisse einer stilistischen Kontinuität, die sich durch die Jahrtausende zieht.

Neben der Materialtreue besticht in dieser Ausstellung die glänzend dokumentierte Formkontinuität der chinesischen Kunst. Ritualbronzen der späten Shang-Dynastie (1600 - 1100 v. Chr.), die sich ihrerseits von frühzeitlichen Keramiken ableiten, werden drei Jahrtausende später in Keramik umgesetzt. So finden wir ein Exemplar des schmalen trompetenförmigen Typs Ku in einer teestaubfarbenen Vase der Ch’ien-lung Periode (1736 - 1795) wieder, während das starkfarbige Cloisonné der Ming-Periode (1368 - 1644) sich sowohl bei den Gefäßformen aus Bronze wie bei Porzellanvorbildern bedient.

Die Rollbilder zeigen ein Stilbewusstsein, das im 12. Jahrhundert von der schwungvollen Komposition zur präzisen Naturbeobachtung übergeht. Ein großartiges Beispiel für die neue Lust am naturalistischen Detail ist ein „Blumenkorb“ des unter drei Sung-Herrschern von 1190 - 1230 an der kaiserlichen Malereiakademie tätigen Li Sung: so naturnah und atmosphärisch zugleich begann die westliche Kunst erst drei Jahrhunderte später, Blumen und Tiere zu sehen.

Die Landschaft als Ort erhabener Naturharmonie, in der der Mensch fast verschwindet, ist ein Dauerprogramm. In den späten Beispielen dieser Ausstellung ist die Tuschmalerei farbig akzentuiert. Die Maler der Ch’ing-Periode (1644 - 1911) schätzten koloristische Effekte, im 18. Jahrhundert benutzten sie westliche Ölfarben. Spannend ist die Schau auch in ihrem letzten Teil, in dem die Verfeinerung des Stils im 18. Jahrhundert sich in minuziösen Schnitzwerken und emaillierten Goldgefäßen niederschlägt.

Der Sprung durch die Jahrtausende zeigt uns eine Kunst, die ihrem Kanon bis zum Ende der chinesischen Kaiser (1911) treu bleibt. Viele Schöpfungen der Malerei und des Kunstgewerbes suggerieren Zeitlosigkeit durch den permanent praktizierten Rückgriff auf ein Formenrepertoire, das der Tradition verpflichtet, leicht wiederzuerkennen und in unterschiedlichen Werkstoffen zu realisieren ist.

Als Spiegel der Herrscherwürde haben die kaiserlichen Sammlungen einen stark symbolischen Charakter, der auch da noch Einheit suggeriert, wo sie politisch gar nicht gegeben war wie in der Zeit der drei Reiche und der sechs Dynastien (220 - 581 n. Chr.).

In der Ausstellung lassen sich chinesische Geschichte und Kunstgeschichte als Kontinuum erleben. Der Bildungseffekt, den eine Fülle didaktischer Tafeln fördert, weitet sich so zum tieferen Verständnis einer um politische und ästhetische Einheit ringenden Kulturnation.

Schätze der Himmelssöhne: Altes Museum zu Berlin, Lustgarten, bis 12.10., Di-So 10 bis 18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Eintritt 6,50 Euro, Katalog 26 Euro.

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