Städel Museum
Der 420 Millionen-Papst

Das Städel Museum in Frankfurt hat ein Papst-Porträt angekauft, das Raffael und seine Werkstatt gemalt haben soll. Die Zuschreibung wird von der Fachwelt zurückhaltend aufgenommen. Wäre Raffael jemals in die Nähe dieses Bildes gekommen, hätte er seinen Gehilfen wohl den Pinsel aus den Händen gerissen, meint ein Kunsthändler. Rätsel gibt der Kaufpreis auf.
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WienAus der Sicht von Marketingexperten hat das Frankfurter Städel Museum vergangene Woche strategisches Geschick bewiesen: Die Neuaufstellung des Altmeister-Bestandes hätte als solche für bedeutend weniger Rauschen im Blätterwald gesorgt als der zeitgleich gemeldete Erwerb eines „Raffael und Werkstatt“-Bildes dann zu Wege brachte. Jetzt hat also auch Frankfurt einen Papst, konkret das Propagandabildnis Julius II., das bis vor kurzem als Arbeit eines Nachahmers galt und nun um entsprechende kunsthistorische und technologische Analysen aufgewertet wurde. Zu den anerkannten Versionen in den Uffizien und der Londoner National Gallery – die als Original gilt – soll mit dieser also eine dritte existieren.

Unbekannt, wie das Museum in seiner Aussendung anführte, war das Bildnis nicht. Stattdessen listete es die Forschung, wie man auch auf der Website der National Gallery nachlesen kann, als zeitgenössische Kopie neben anderen bekannten in der Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, der Villa Borghese oder des Palazzo Corsini.

Falsche Vorstellung von einem Original

Seither ist man im Gespräch, auch in der Fachwelt, die sich nur zögerlich mit den Thesen und neuen Erkenntnissen des Sammlungsleiters Jochen Sander anzufreunden scheint. Selbst Jürg Meyer zur Capellen, der anerkannte Raffael-Spezialist und seit Anfang der 90er-Jahre Leiter des Raffael Projekts der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, übt sich auf „Handelsblatt“-Anfrage in Zurückhaltung. Er will dazu keine Meinung abgeben, die Sachlage sei eine sehr komplexe. Ja, er kenne dieses Bild und habe es auch in Band 3 (The Roman Portraits, ca. 1508-1520) 2008 berücksichtigt: als Kopie, die wie andere im frühen 16. Jahrhundert ausgeführte Werkstattarbeiten genauerer Untersuchung bedürfe.

Die Grenzziehung zwischen dem authentischen Werk eines Künstlers und der Arbeit seiner Mitarbeiter scheint für Laien ein Buch mit sieben Siegeln zu bleiben. Es läge an den falschen Vorstellungen von einem Original, wie der Sammlungsleiter des Städels erklärte. Genau genommen habe kaum ein alter Meister ein Gemälde allein angefertigt, sondern stets mit Hilfe von Mitarbeitern und Schülern. Bei „wichtigen, maltechnisch anspruchsvollen oder gestalterisch maßgeblichen Abschnitte eines Bildes“ hätte der Meister selbst den Pinsel geschwungen.

Unterzeichnung von Raffael?

Der Hinweis auf Raffaels Mitwirkung am Papstporträt dürfte sich allerdings unter der mit freiem Auge wahrnehmbaren Bildschicht verstecken. Über eine Infrarot-Reflektographie wurde die Unterzeichnung des Porträts sichtbar. Und diese weicht an markanten Stellen deutlich von der Ausführung ab, orientiert sich im direkten Vergleich dort eher an der Londoner-Fassung. Für Sander sind eben diese Abweichungen ein wichtiges Indiz für den kreativen Schöpfungsprozess und der Beweis, dass es sich um keine Kopie handeln würde. Ob denn wenigstens die Unterzeichnung „original“ Raffael sei? Davon gehe er aus, merkt auch Meyer zur Capellen an.

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