Stammeskunst
Bedeutende Ahnenfigur

Stammeskunst aus Afrika und Ozeanien hat die Künstler der Avantgarde begeistert. Lempertz versteigert jetzt eine „Uli“-Figur aus dem Nachlass von Otto Dix. Doch viele Fragen sind noch offen.
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KölnGrimmiger Blick, gebleckte Zähne und ein riesiger Haarkamm über dem kriegerisch bemalten Gesicht – die stämmigen und immer zweigeschlechtlichen "Uli"-Figuren, mit denen die Ureinwohner des ozeanischen Neu-Irland sich der Macht und der Fürsorge ihrer verstorbenen Stammesführer versicherten, zogen auch die Künstler und Kunstfreunde der Moderne in ihren magischen Bann. "Sicher bist du ein großer Gott …. du ängstigst und verzauberst" dichtete, viel zitiert, der Surrealisten-Papst André Breton.

Als anno 2003 sein überbordender Nachlass in Paris versteigert wurde, bewies eine der beliebten und seltenen Ahnen-Figuren auch magische aktuelle Kunstmarkt-Kräfte: mit 1,1 Millionen Euro, fast der doppelten Taxe, setzte Bretons Uli eine Auktionsrekordmarke.

Wie kommt die Figur zu Dix?

Die Verbindung der ehemals sogenannten primitiven mit der avantgardistischen Kunst macht nun auch die doppelte Attraktion am Ende von Lempertz’ "Tribal Art"-Versteigerung in Brüssel aus (31.3.). Der 127 cm große Uli stammt aus dem Nachlass in der Dix-Stiftung in Vaduz. Und ist eine Entdeckung. Denn anders, als von Gauguin über Picasso und die Expressionisten bis hin zu den Surrealisten allbekannt, haben weder Schwarzafrika noch Ozeanien im Werk des Realisten Dix eine Spur hinterlassen; und von einer Sammlung Dix ist außer dieser einen Figur bis dato auch nichts bekannt, weshalb Lempertz-Experte Michael Vignold lieber von Provenienz als von Sammlung spricht. Die beherzte Taxe von 700.000 bis 900.000 Euro liegt höher als alle bisherigen Auktionstaxen, doch niedriger als die Spitzenergebnisse.

War Flechtheim der Vermittler?

Der Auktionskatalog zeigt ein Foto des älteren Dix mit diesem Uli, aufgenommen vermutlich in den 1950er-Jahren. Bis auf weiteres unbekannt bleibt derweil, wie diese Figur mit den blauen Muschelaugen in Dix' Besitz kam. War's schon in den 1920ern? Womöglich gar 1926, als Dix sein großartiges Porträt von Alfred Flechtheim malte, und der Avantgarde-Galerist in Berlin eine große Ausstellung mit ozeanischer Kunst zeigte?

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