Stammeskunst
Messer im Leib

Die Restitution von gestohlenem Museumsbesitz ist heute Alltag, auch in Paris. Dennoch irritiert die ministeriale Praxis, dass vor der Rückgabe eines Nagelfetischs aus dem Kongo an das Musée du Quai Branly, Versäumnisse vertuscht werden sollten.
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PARIS. Ein mysteriöser Zauber umgibt die afrikanischen anthropomorphen Nagelfetisch-Statuen, deren menschlicher Körper mit ungezählten Metallteilchen gespickt ist. Fast so wie es Katholiken von der Figur des Heiligen Sebastian kennen. Diese Bild-Assoziation wird von Afrika-Historikern bestätigt: Erst die kolonisierenden Portugiesen führten Ende des 16. Jahrhunderts in Zentralafrika die Praxis der Metallbearbeitung ein. Wie der Würzburger Tribal Art-Auktionator Ernst Zemanek berichtet, stammt die erste Grafik mit einer Abbildung eines Nagelfetischs aus dem Jahre 1603.

Magische Kräfte

Ein Nkonde oder Nagelfetisch aus dem Kongo des frühen 19. Jahrhunderts, wegen seiner Metall-Klingen mit geheimen magischen Kräften und obligatem Brust-Reliquiar versehen, wurde soeben vom französischen Kulturminister Frédéric Mitterrand offiziell an das Pariser Stammeskunst-Museum, Musée du Quai Branly , restituiert. Der feierlichen Übergabe ging eine echte Räubergeschichte voraus, in der das Musée du Quai Branly und mehrere Abteilungen des Kulturministeriums nicht die beste Figur machten.

Verlust im Depot

Der Nagel-Fetisch Nkonde befand sich ab 1931 in den Depots des Musée de l'Homme, dem Vorgänger des Musée du Quai Branly. Dort verschwand er laut französischem Kulturministerium "vermutlich zwischen 1945 und 1955". Der Nkisi-Fetisch, den ein Magier mit Metallklingen versah, um jemanden zu heilen, die Harmonie der Welt aufrecht zu erhalten oder eine Abmachung zwischen zwei Parteien festzulegen, tauchte 2009 wieder auf. Damals lieferte Annie Salles , die Tochter des Stammeskunst-Sammlers Armand Charles, die Collection ihres Vaters beim Auktionshaus Enchères Rives Gauche ein. Das in Sachen Tribal Art erfahrene Haus versteigerte sie am 2. Dezember 2009. Zur Information: Enchères Rives Gauche hatte im Juni 2006 die Sammlung Verité versteigert, die mit einem Umsatz von 44,1 Mio. Euro die bedeutendste Auktion des Genres darstellt.

Keiner prüft die Verlustlisten

Enchères Rives Gauche hatte den Nkonde-Nagelfetisch zwar nur mit 80.000 bis 120.000 Euro geschätzt, illustrierte aber den Umschlag des Auktionskatalogs. Man sah ihn im Hôtel Drouot bei der Präsentation Spitzenobjekte der Saison, sowie im "Espace Berggruen", dem Sitz von Enchères Rive Gauche. "Wir haben 4000 Einladungskarten mit der Abbildung des Fetischs versandt", erklärt die Auktionatorin Muriel Berlinghi-Domingo. Pikanterweise erhielt das Auktionshaus am 2. November 2009 vom Kulturministerium das sogenannte "Zertifikat", das die Ausfuhr des Objekts bewilligte. Dieses Dokument "attestiert, dass das Gut nicht als staatliches Kulturgut angesehen wird". Im Klartext heißt das, dass die staatlichen Stellen und das Museum die Liste der gestohlenen Objekte nicht konsultierten.

Geschenk an den Staat

Der Brüsseler Tribal Art Händler Didier Claes ersteigerte den Nagel-Fetisch Nkonde am Telefon für 175.000 Euro inklusive Aufgeld. An Hand der Angaben des Auktionskatalogs stellte Claes bei seinen Nachforschungen fest, dass es sich um die aus dem Musée de l'Homme entwendete Statue handelte, die allerdings maskiert, d.h. mit zusätzlichen Federn versehen und bemalt war. Claes informierte das Musée du Quai Branly, gab dem Auktionshaus den Nagelfetisch zurück und erhielt den Kaufpreis wieder. Die Verkäuferin, Annie Salles, erklärte sich bereit, das Objekt dem Staat zu schenken, dem es nach der französischen Rechtslage immer noch gehört.

Vertuschung im Ministerium

Eigentlich wäre alles im guten Einvernehmen abgelaufen. Aber der Präsident des Musée du Quai Branly, Stéphane Martin, informierte den Versteigerungsrat, die Aufsichtsbehörde, damit dieser überprüfe, ob das Auktionshaus ordnungsgemäß und der verstorbene Sammler gutgläubig gehandelt haben. Doch in den Köpfen der beteiligten Mitarbeiter des Kulturministeriums muss ein Messer gewütet haben. Die magische Kraft der Kultfigur Harmonien zu erhalten, wirkte nicht mehr. Denn das Kulturministerium forderte seine Ausfuhrgenehmigung zurück, um seinen Fehler zu kaschieren. Das Dokument war schließlich das Beweisstück für seine mangelhaften Nachforschungen. Auch die internationale Polizeistelle zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Kulturgut wurde eingeschaltet, die einen etwaigen Strafbestand - eine Klage wegen Diebstahl vor ca. 65 Jahren - überprüfte. Alle involvierten Stellen legten die Akte ab - wegen Nichtigkeit.

Teurer Orden

Bei der Übergabe-Zeremonie des Nkonde-Fetischs verlieh der Kulturminister Annie Salles, die auf ca. 120.000 Euro aus dem Erlös der Skulptur verzichtete, den Orden für Kunst und Literatur. Eine teure Auszeichnung.

www.quaibranly.fr

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