Stardirigent Sir Simon Rattle unterrichtet BWL-Studenten
Managementkurs mit Strawinski: Führung im Siebenvierteltakt

Pling, plang, plong. Die beiden Damen an den Harfen zupfen Strawinski. Glauben sie jedenfalls. Feuervogel, Ballettmusik mit allem Drum und Dran. Weiter oben auf der Bühne warten die Schlagzeuger auf ihren Einsatz. Unten am Pult rührt der Chefdirigent die Hände. „Play it again, please“, noch einmal bitte. Pling, plang, plong.

HB BERLIN. Dann passiert es. Der Mann mit dem Stöckchen in der Rechten springt leicht auf, ehe ihm in ForteFortissimo ein Schrei entfährt, als ob Don Giovanni persönlich zur Hölle fahre. Über seinem Kopf gerät gar das filigrane Gestrüpp der Lampendrähte in Bewegung. „Re-laxed, re-laxed“, ihr sollt ganz entspannt spielen, brüllt Sir Simon Rattle seine Mitarbeiterinnen an. An allen anderen Arbeitsplätzen wäre das ein Kündigungsgrund.

Die Damen der Berliner Philharmoniker indes sind von dem, was der Herr Kapellmeister später einen „Joke“ nennen wird, derart glücklich erschüttert, dass ihnen die diffizile Passage in Strawinskis Dauerbrenner hernach spielerisch leicht aus den Fingern strömt.

In Block E, Reihe zwei der Berliner Philharmonie verfolgt ein gutes Dutzend noch junger Männer und Frauen diese außergewöhnliche Darbietung. Die jungen Leute sehen ziemlich normal aus, studieren an der Universität Mannheim zumeist Betriebswirtschaftslehre und sollen, glaubt man der Ausschreibung, Teil der deutschen Elite werden. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), genauer gesagt der Kulturkeis der deutschen Wirtschaft, ein höchst spendabler Verein großer Unternehmer und Unternehmen, bezahlt die Fortbildung. Das „Bronnbacher Stipendium“ läuft in diesen Monaten zum ersten Mal und strebt, nach Galeriebesuchen, Filmabenden und Literaturrunden, mit dem Besuch in der Philharmonie einem Höhepunkt entgegen.

Zweieinhalb Stunden währt die Probenarbeit mit studentischer Begleitung, dann setzt sich Rattle mit den Stipendiaten zur Nachbesprechung zusammen. Für die Studierenden werden das kostbare Minuten sein, eine Schule fürs Leben. Denn sie werden erfahren, was Führungskultur wirklich bedeutet.

1. Arbeit. Es ist Punkt 17 Uhr, als der Chef kommt, unauffällig. Alles ist schwarz an ihm, T-Shirt, Jeans, Turnschuhe, darüber die graue Locken-Mähne, der Anti-Karajan, ein Typ wie der ewige Philosophie-Student aus dem Wrangelkiez. Er leistet sich ein Schwätzchen mit dem Solo-Oboisten, dann die unglaubliche Verwandlung: Plötzlich steht ein Chef am Pult, und alle gehorchen. Sofort geht es los.

Abschnitt fünf, Takt 20, die Fagotte blubbern, die Oben näseln, es quietscht und schnarrt, Strawinski in Stückchen gebrochen. „Klingt toll, ist aber leider falsch“, sagt der Chef auf Englisch, man lacht und fängt von vorne an. Immer wieder, eine Viertelstunde lang. Die Stipendiaten des BDI staunen still vor sich hin. Das soll Musik sein?

24 Stunden später wird das Orchester Strawinskis Feuervogel als Premiere in der Arena Treptow spielen. Dazu tanzen Schüler und Senioren aus der ganzen Stadt. Es ist eine Neuauflage von Rattles Berliner Kunstprojekt, das er Zukunft@BPhil genannt hat. Auch Teil eins war schon Strawinski, Le Sacre du Printemps. Die Berliner machten einen Film daraus: „The Rhythm Is It“. Nun also der Feuervogel mit dem Siebenvierteltakt. Die Studenten werden verstehen.

Strawinski und die Berliner, das ist Ergebnis beispiellos disziplinierter Arbeit. Sie beginnt lange bevor der Dirigent den Taktstock ergreift. Alles geht zack-zack in der Philharmonie, dem Musensaal des alten West-Berlin. Und doch mit Leichtigkeit. Eingespielte Disziplin auf höchstem Niveau, ein Weltklasseorchester, selbstverwaltet. Hier käme niemand auf die Idee, wie es sonst im gewerkschaftlich regulierten Orchesterbetrieb von Aachen bis Neustrelitz üblich ist, den Bogen mitten im Takt fallen zu lassen, bloß weil um sieben die tariflich vereinbarte Arbeitszeit zu Ende ist. In Berlin wird geprobt, bis es gut ist.

Und wehe, die Musiker schwätzen auf der Arbeit. Dann kommt ein entschlossenes „Pssst“ von den zweiten Geigen. Jede Minute Strawinski ist kostbar, auch finanziell. Der Feuervogel verlangt alles, was der Orchesterfundus zu bieten hat, jede Minute hier kostet ein kleines Vermögen.

Rattle arbeitet in drei Wellen an diesem Abend: erst die Bläser, dann das Tutti, das ganze pralle Orchester, danach die armen Harfinistinnen mit den Schlagzeugern. Als die Frauen mit Hilfe ihres Chefs das Glück entspannten Zupfens entdeckt haben, patzt der Schlagzeuger. Der Dirigent korrigiert, der Trommler scherzt: „Ich improvisiere.“ Die Musiker lachen. Rattle am Pult und Strawinski in der Partitur, das ist eine Show für sich. Der große Rhythmiker swingt mit Händen und Hüften, er gestikuliert mitunter wild, springt in die Luft, jammert, jauchzt. Zwei T-Shirts wird er patschnass schwitzen, um hernach, als wäre nichts gewesen, mit einer fast naiv anmutenden Lebendigkeit über den Kern seiner Arbeit zu reden.

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