Start Frankfurter Buchmesse
Der harte Kampf um Brasiliens Bücher

Der brasilianische Autor Coelho trifft mit seinem Nein zur Teilnahme an der Buchmesse einen wunden Punkt des Gastlandes. Brasilien präsentiert sich mit guten Zahlen als Literatur-Exporteur. Doch im Land brodelt es.
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FrankfurtWenn am frühen Abend die weltgrößte Buchmesse mit 7300 Ausstellern aus 100 Ländern eröffnet, dann fehlt einer der ganz Großen: Paulo Coelho („Der Alchimist“). In Deutschland gilt er als das Aushängeschild brasilianischer Literatur schlechthin. Die bis Sonntag in Frankfurt erwarteten 280.000 Besucher werden den Star-Schreiber allerdings nicht treffen können.

Coelho begründete seine Absage mit der Auswahl der Autoren, die Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Etwa 1500 Autoren aus der ganzen Welt sind es nach Angaben der Organisatoren insgesamt. Von vielen der brasilianischen Autoren habe Coelho noch nie etwas gehört und unterstellt, dass sie nicht wegen guter Literatur nach Frankfurt gereist sind. „Das sind vermutlich Freunde von Freunden von Freunden. Eine Vetternwirtschaft", wetterte der Erfolgsautor im Interview mit der „Welt am Sonntag“.

Wenn Coelho damit auch sein Land – der Ehrengast der Buchmesse – kritisiert, dringt die derzeit in den Metropolen des Megalandes rumorende Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Zuständen über die Grenzen. Selbst in Frankfurt wird der Protest mit Coelhos Absage spürbar.

Vorwürfe von Vetternwirtschaft und Korruption sind den Brasilianern sehr vertraut. Seit Mitte des Jahres protestieren die Menschen gegen Korruption und viele andere Missstände. Es sind vor allem Mitglieder der Mittelschicht, die wütend seit Monaten auf die Straße gehen.

Sie protestieren etwa gegen die Milliardenbeträge für die Fußball-Weltmeisterschaft und die olympischen Spiele statt für Investitionen in die marode Infrastruktur der Städte ausgegeben werden, für mehr Bildung, mehr Krankenhäuser. Aktuell endete eine Demonstration von Lehrern in Rio de Janeiro in Krawallen.

Die Unruhe im Land berührt auch die Literaturszene. Der aktuelle Umbruch ist Gesprächsthema an den Ständen des Landes auf der Buchmesse. Damit beschert Coelho seinem Heimatland als Gastland eine etwas ganz andere Aufmerksamkeit, als erwartet.

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  • "Die Menschen in Deutschland sollen erkennen, dass es auch auf der anderen Seite des Ozeans intelligentes Leben gibt."

    Gibt es dort tatsächlich: z.B. in New York, Boston und Toronto.

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