Stascheits Tag beginnt um 5.00 Uhr morgens
Studenten stellen eigene Tageszeitung auf die Beine

"Der Leipziger" heißt eine neue lokale Tageszeitung, die der Journalistikstudent Dirt Stascheit mit sieben Kommilitonen gegründet hat. Nach einem zweiwöchigen Testlauf wollen die Macher über den Fortbestand des Blattes entscheiden. Weitere Mitstreiter werden gesucht.

HB LEIPZIG. Dirk Stascheit hat eine Blitzkarriere hingelegt. Nach zwei Semestern Journalistikstudium, zwei Wochen Praktikum in einer Regional- und sechs Wochen bei einer Wochenzeitung ist der 21- Jährige jetzt der wohl jüngste Herausgeber einer deutschen Tageszeitung. Gemeinsam mit sieben Kommilitonen gründete der Student die Zeitung „Der Leipziger“. Nach einem zweiwöchigen Testlauf wollen die Macher entscheiden, ob „Der Leipziger“ fortan regelmäßig neben der „Leipziger Volkszeitung“ und der Lokalausgabe der „Bild“-Zeitung an den Kiosken der Messestadt hängt.

Stascheits Tag beginnt um 5 Uhr morgens, wenn er die 500 Exemplare der neuen Ausgabe aus der Druckerei holt. Von 7 Uhr an steht er gemeinsam mit einer Hand voll anderer Redakteure in der Leipziger Innenstadt, um sein Blatt für 40 Cent an Passanten zu verkaufen - bis die Druckkosten gedeckt sind. Derzeit geht bereits gut die Hälfte der Auflage weg, Tendenz steigend.

„Wer unsere Zeitung kauft, unterstützt die Idee einer dritten Tageszeitung für Leipzig. Aber natürlich wissen wir, dass unser Produkt noch nicht das Ideale ist“, sagt Carsten Upadek, einer der Chefs vom Dienst. Die „Bleiwüste“ der ersten Woche mit zu viel Text auf einer Seite und einem sprunghaften Layout ist mittlerweile einer soliden Mischung aus Meldungen, Kommentaren, längeren Beiträgen und ungewöhnlich geschnittenen Bildern gewichen. „Wir sind Studenten, haben einen kritischen Blick auf die Landschaft, wollen aber nicht in die Ecke der linken Studentenblättchen gestellt werden“, beteuert Redaktionsmitglied Jan Berger (21).

Viele der Mitstreiter sind derzeit bis zu 20 Stunden täglich auf den Beinen: Planen, Termine besetzen, Reportagen verfassen, Redigieren und Layouten. „Wir haben eine professionelle Redaktion, die alles selbst macht - trotz manchmal chaotischer Verhältnisse“, meint Stascheit. Redaktionsräume kann sich „Der Leipziger“ nicht leisten, und so treffen sich die Redakteure zur täglichen Konferenz in einem der vielen Innenstadt-Cafés.

Journalistik-Professor Michael Haller sieht in dem Experiment eine Bereicherung der lokalen Presselandschaft. „Freilich geht so etwas zunächst nur über eine radikale Selbstausnutzung aller Beteiligten. Um daraus ein längerfristiges Projekt werden zu lassen, ist eine beachtliche Zahl an verkauften Exemplaren erforderlich.“ Dafür brauche es einen langen Atem, eine Zwischenfinanzierung und auch Professionalität.

Um den täglichen Produktionsdruck zu bewältigen, suchen die Blattmacher jetzt vor allem weitere Mitstreiter. Herausgeber Stascheit ist zuversichtlich, dass „Der Leipziger“ auch in der nächste Woche beginnenden Vorlesungszeit erscheint. Offen bleibt die Finanzierung der bislang werbefreien Zeitung. „Der Anzeigenmarkt ist meines Erachtens in Leipzig nicht so groß, dass er eine weitere Tageszeitung mitfinanzieren kann“, sagt Haller. Die Studenten geben sich indes enthusiastisch und haben ein Vorbild: die überregionale Berliner Tageszeitung „taz“, die 1979 ohne Großverlag im Rücken gegründet und oft in Frage gestellt wurde, sich aber bis heute am Markt gehalten hat.

Internet: „Der Leipziger“: www.derleipziger.de

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