Stephen King: Psychohygiene der eigenen Vergangenheit

Stephen King
Psychohygiene der eigenen Vergangenheit

Für Stephen King ist das Schreiben Psychohygiene – die einzige Möglichkeit, mit den Dämonen der eigenen Vergangenheit fertig zu werden. In „Love“ zeigt der unbestrittene Meister des literarischen Horrors die heilende Wirkung der Liebe. Eigentlich ist „Love“ kein Horror-Roman. Der Schrecken ist subtil.

DÜSSELDORF. Stephen King erzählt in „Love“ (im Original „Lisey’s Story“) die Geschichte von Lisey Landon, der Witwe eines international anerkannten Horrorautors (!), die zwei Jahre nach dessen Tod den Nachlass mit Hilfe ihrer psychisch labilen Schwester ordnen will, nachdem sie sein Büro lange Zeit nicht betreten hat. In Rückblenden führt King den Leser durch das Leben des Ehepaars. Von ihrem Kennenlernen über erste seltsame Eigenarten Scotts bis hin zu einem Attentat auf Scott durch einen Psychopathen wird der Leser immer tiefer in dessen düstere Welt hineingezogen. Für Lisey scheinen sich dabei Vergangenheit und Gegenwart auf beängstigende Weise anzunähern: Sie wird von einem geisteskranken Fan ihres Mannes bedroht. Gleichzeitig scheint ihr Scott aus dem Jenseits Hinweise zu seiner für Lisey unbekannten Vergangenheit zu geben. Sie ist nun gezwungen, sich mit Wahrheiten über ihren toten Mann auseinander zu setzen, die sie immer stärker geistig und körperlich in dessen zerstörerische Vorstellungswelt zu ziehen drohen.

Obwohl King ausdrücklich abstreitet, dass seine Geschichte eng an seine eigene Biografie angelehnt ist, sind die Parallelen zu seiner schwierigen Kindheit und der Ehe mit seiner Frau Tabitha mitsamt deren Schwestern und Kings in „Misery“ schon thematisierter Angst vor zu „aufdringlichen“ Fans kaum zu übersehen. Für King als auch für sein Alter Ego Scott Landon ist das Schreiben Psychohygiene – die einzige Möglichkeit, mit den Dämonen der eigenen Vergangenheit fertig zu werden.

„Love“ ist eigentlich kein Horror-Roman. Der Schrecken ist subtil. Wie schon in „Shining“ gelingt es King, mit Urängsten des Menschen zu spielen. Er stellt bedrückende Fragen wie: „Kenne ich die innersten Antriebskräfte der mir am nahestehendsten Menschen wirklich?“ „Wie sehr kann ich ihnen wirklich vertrauen?“ Und seine Antworten lassen den Leser verstört und erschrocken zurück.

Es hätte also ein sehr guter Roman zwischen Psychothriller und einfühlsamer Liebesgeschichte werden können. Dass „Love“ es nicht ist oder nicht bleibt, liegt daran, dass Scotts erdachte Zufluchtswelt inklusive ihrer Dämonen und Monster zu real wird, anstatt ihren symbolischen Charakter für sich wirken zu lassen. So bleibt der Leser am Ende gespalten – er erfährt unerwartet viel über die heilende Wirkung der Liebe und ihre Bedeutung als Kraftzentrum für die Beziehung – auch über den Tod hinaus. Aber Stephen King wäre nicht Stephen King, wenn er es dabei belassen würde. Schade.

Stephen King:

Love; Heyne Verlag, München 2006, 736 Seiten, 22,95 Euro

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%