Street-Art blüht noch weitgehend im Verborgenen
Der Witz der Straße

Street-Art ist eine Protestbewegung, die ihren Platz stolz zwischen Kunst und Werbung behauptet.

Sie kommen auf leisen Sohlen. Über Nacht. Am nächsten Morgen klebt ein riesiges, schwarzweißes Konterfei der Punkikone Johnny Rotten an einer Kreuzberger Häuserwand. An einem Bauzaun ein paar Straßen weiter reihen sich stilisierte, maskenhafte Porträts, die an einen japanischen Holzschnitt von Lou Reed erinnern. Neben der Hommage an den Sänger von „Walk on the Wild Side“ finden sich Schriftzüge, Piktogramme und verschlungene, abstrakte Muster.

Street-Art nennt sich die Kunstbewegung, die noch weitgehend im Verborgenen blüht. Sie spielt mit Zitaten aus der Musik- und Jugendkultur, aber sie blickt auch auf eine lange Tradition zurück: von Toulouse-Lautrecs Varietéplakaten bis zu Straßenkünstlern der Pop-Art wie Keith Haring. Und Street-Art setzt zunehmend Maßstäbe für weltweite Werbekampagnen von Unternehmen wie Nike und Pepsi.

Denn die Trendscouts der Global Player haben längst erkannt, dass hinter manch vermeintlicher Graffiti-Schmiererei eine hippe Bildsprache steht. Nike wagte sich mit seiner „Scorpion“-Kampagne parallel zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 am weitesten vor. Ein Skorpion, hingesprüht auf einen U-Bahnsteig. Daneben krümmt sich, winzig klein, der charakteristische „Swoosh“-Haken des Sportswear-Herstellers. Starkicker wie Ronaldo, Luis Vigo und Roberto Carlos im hart-reduzierten Lou-Reed-Stil an Häuserwände gesprayt.

Wie attraktiv ihre Ästhetik ist, blieb auch der Sprayer-Szene nicht verborgen. „Ich weiß, was wir wert sind“, sagt Adrian Nabi, der in Berlin die bisher größte europäische Ausstellung zum Phänomen Street-Art organisiert hat. Mit Spraydosen, Schablonen, ausgeschnittenen Papercuts und Kleistereimer gaben die Meister ihres Fachs tristen Berliner Brandwänden und S-Bahn-Brücken ein neues Gesicht. „Street-Art will provozieren, aber auch zum Lachen oder Nachdenken anregen“, sagt Kurator Nabi.

Gezielt spielen die internationalen Künstler dabei mit Logos, Werbemotiven oder Plattencovern. Aus „Bild“ wird „Blind“: Die gleichen weißen Blockbuchstaben auf rotem Grund wie bei der Boulevard-Zeitung zieren ein Street-Art-Motiv, aber die Aussage ist ins Gegenteil verkehrt.

Das Interesse der Wirtschaft an Street-Art stößt bei den Künstlern nicht nur auf Gegenliebe. „Die Anlehnung an die Untergrund-Kultur verdeckt den kommerziellen Aspekt und gibt den jungen Konsumenten das Gefühl, dass das Verkaufsprodukt Teil ihrer eigenen Kultur ist“, sagt Lokiss. Dennoch hält er die rebellische Pose mancher Kollegen für unglaubwürdig. „Die Street-Art spielt die Rolle des Hofnarren des Königs. Sie macht sich lustig. Aber am Ende ist sie Teil des Systems.“

Matthias Schmidt von der renommierten Werbeagentur Scholz & Friends glaubt dagegen, dass der Bezug zum Underground in der Werbung ohnehin nur für einen begrenzten Firmenkreis funktioniert. „Für Mercedes-Benz können Sie keine Graffiti-Kampagne machen. Auch wenn sie noch so hip wirken wollen. Es passt nicht“, sagt Schmidt. Auch sonst könne es schnell peinlich und anbiedernd wirken, wenn ein Unternehmen die Sprache der Straße schlecht kopiert: „Es muss glaubwürdig sein. Sonst durchschauen es die jungen Leute sofort.“

Street-Art ist in, weil sie in einer Zeit, in der Werbung überall ist, mit einer anarchischen No-Logo-Haltung kokettiert. Aber gleichzeitig kann sie dem Zusammenhang nicht entkommen. Macher wie Kurator Nabi sehen darin aber auch die Chance der Weiterentwicklung: „Selbst ein Ausverkauf hätte eine reinigende Wirkung. Wer es nur aus modischen Gründen macht, verliert das Interesse. Und wir haben dann wieder unsere Ruhe.“

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