Stück über NS-Massaker
Jelinek-Inszenierung sorgt für Tumulte

Die Inszenierung des Stücks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sorgte im Düsseldorfer Schauspielhaus gleich an zwei Abenden für Eklats. Umstritten ist besonders eine Szene, in der der Kannibale von Rotenburg einen Auftritt als Theaterfigur hat. Skandalös: Die Mitarbeiter wurden bespuckt.
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HB DÜSSELDORF. Das Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Elfriede Jelinek über ein Nazi-Massaker an 180 Juden hat am Düsseldorfer Schauspielhaus Tumulte ausgelöst. Das Publikum reagierte an zwei Abenden mit heftigen Protesten vor allem auf die letzten Minuten des wortgewaltig-zynischen Stücks der Literaturnobelpreisträgerin. In der Schlussszene lässt Jelinek den "Kannibalen von Rotenburg" einen vier Minuten langen Dialog mit seinem Opfer halten.

Ein Zuschauer bespuckte sogar eine Mitarbeiterin. Das Theater zog Konsequenzen und bietet jetzt vor jeder Vorstellung eine Einführung in das Stück an. Dennoch hätten auch am Montagabend wieder rund 30 Zuschauer in der Pause das Theater verlassen, sagte Schauspielhaus- Sprecherin Manuela Schürmann am Dienstag.

Die Uraufführung von "Rechnitz" war vor zwei Jahren in den Münchner Kammerspielen begeistert gefeiert worden. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, der langjährige Erfahrung mit den sprachlawinenartigen Jelinek-Texten hat, hatte den Botenbericht über das nie aufgeklärte SS-Massaker umsichtig inszeniert. In der Münchner Inszenierung war die besonders umstrittene Szene seinerzeit allerdings gestrichen worden. Jelinek hatte für "Rechnitz" den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen. Bei den Wiener Festwochen wurde die Kammerspiele-Inszenierung dieses Jahr gefeiert.

Die fast dreistündige Düsseldorfer Bühnenfassung von Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer war für das Publikum am Rhein dagegen ein Schock. Schmidt-Rahmer sagte der "Rheinischen Post" (Dienstag), der Kannibalentext am Ende sei "ganz bewusst gesetzt, wie ein Weckruf, der den Widerstand geradezu provoziert". Und: "In München konnte man am Ende nett klatschen. Das wollte ich vermeiden", sagte Schmidt- Rahmer. "Man kann einen literarischen Amoklauf nicht gelöst beklatschen."

Der "Kannibale von Rotenburg", der damals 39 Jahre alte Armin Meiwes, hatte am 10. März 2001 einen Ingenieur aus Berlin mit dessen Einverständnis entmannt, getötet und Teile der Leiche gegessen. Er wurde im Mai 2006 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Historischer Hintergrund des Jelinek-Stücks ist ein Gefolgschaftsfest mit SS-Offizieren und Nazi-Prominenz auf dem österreichischen Schloss Rechnitz kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs Ende März 1945. Im Verlauf der Party bekamen einige der Gäste Waffen, mit denen sie 180 jüdische Zwangsarbeiter in einer Scheune erschossen. Die Massengräber wurden nie gefunden. Bis heute ist das Massaker nicht aufgeklärt. Schlossherrin war die Gräfin Margit Batthyány, eine Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen.

Schmidt-Rahmer setze eigene Akzente in seiner Bühnenfassung, indem er den Zynismus Jelineks noch unterstreiche, sagte Schürmann. So sei eine Szene als populistische History-Fernsehsendung gestaltet, in einer anderen werden die Grabungen nach den Opfern des Massakers dargestellt. Die Zuschauerreaktionen auf der Homepage des Schauspielhauses reichten von "großartig" über "verstörend und verunsichernd" bis zu "aufreißerisch" und "brutal".

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